Yves Klein wagte es. Im Januar 1957 eröffnete in der Mailänder Galleria Apollinaire eine Ausstellung, in der er elf Bilder, elf "monochrome Vorschläge, blaue Epoche" ausstellte. Jedes einzelne war 77,5 mal 56 Zentimeter groß und regelmäßig im selben leuchtenden Blau gestrichen – auf den ersten Blick sahen sie alle gleich aus. Doch einen Unterschied legte Klein fest – in den Preisen: Alle elf Bilder waren unterschiedlich teuer. Ob die Käufer dafür Verständnis hatten?

Der französische Maler, der sich selbst "Yves Le Monochrome" nannte, fertigte in den Fünfziger- und Sechzigerjahren einfarbige Bilder an, indem er mit einer Farbrolle gleichmäßig Leinwände bestrich, in Rot, Orange oder Gelb etwa, meist aber in Blau. Denn der junge Künstler, der in seinem kurzen, nur 34 Jahre dauernden Leben Tausende Bilder schuf, von denen einige zu den Klassikern der Moderne zählen, interessierte sich für Farben. Sie wollte er zum Strahlen bringen und wurde dafür radikaler. Schließlich ließ er alle Farben hinter sich und konzentrierte sich auf eine einzige: Blau.

Er hatte seinen Ton gefunden

Auf die Frage, warum er sich freiwillig derart begrenze, antwortete Klein mit einer alten persischen Geschichte. Ein Flötenspieler habe zwanzig Jahre lang nur einen Ton gespielt. Als seine Frau ihn darauf ansprach, dass andere Flötenspieler Melodien aus unterschiedlichen Tönen zusammenstellten und dass die Musik so doch unterhaltsamer wäre, antwortete ihr Mann, es sei nicht sein Problem, dass er den einen Ton, nach dem die anderen noch suchten, schon gefunden habe.

Für Yves Klein war dieser Ton das Blau. Seit er als junger Mann mit zwei Freunden am Strand von Nizza gesessen hatte, sie in spielerischem Übermut die Welt unter sich aufgeteilt hatten und er sich für den Himmel entschieden hatte, beschäftigte ihn dessen Unendlichkeit. Später behauptete er sogar, den Himmel signiert zu haben und die Vögel dafür zu hassen, dass sie sein "größtes und schönstes Monochrom" immer wieder störten.

Dieses grenzenlose Blau wollte er auch mit seinen einfarbigen Bildern erzeugen und entwickelte ein Ultramarin, das ihn berühmt machte und das er sich 1960 patentieren ließ, bis heute trägt es seinen Namen: International Klein Blue (I.K.B.). Dahinter verbirgt sich eine spezielle Mischung, die den Blauton, den er so liebte, besonders gut zum Leuchten bringt. Auf der Leinwand bleibt nichts, woran sich das Auge festhalten kann, nichts als die reine Farbe und ihre Wirkung: "Farbe badet in kosmischer Sensibilität. (...) Farbe ist materialisierte Sensibilität. Farbe badet in allem und badet alles", schrieb er dazu.

Doch Kleins Werke waren für die damalige Zeit zu radikal. Selbst im sonst so aufgeschlossenen Pariser Salon des Réalités Nouvelles, einem Ausstellungsforum für geometrisch-abstrakte Werke, bat man ihn, er solle seine einfarbigen Bilder wenigstens durch eine zweite Farbe, einen Punkt oder Strich ergänzen.

Von dieser Kritik ließ sich Klein jedoch nicht beirren und setzte stattdessen auf seine Ausstellung in der Galleria Apollinaire. Für die Präsentation dort brachte er die elf blauen Leinwände auf Balken an, sodass sie mit einem Abstand von bis zu zwanzig Zentimetern von der Wand entfernt standen und wirkten, als ob sie schwebten. Er spielte mit dem Unverständnis für seine Kunst und forderte seine Besucher heraus, das jeweils Individuelle der Bilder zu entdecken – rief doch jedes eigene Empfindungen hervor. Und auch den Preis der Bilder legte Klein entsprechend individuell fest. Er hinterfragte damit die Vorstellung, dass Bilder sich rational bewerten ließen, etwa aufgrund der Größe, des Motivs oder der Kunstfertigkeit – die Wirkung auf den Betrachter war das, was zählte.

Die genauen Reaktionen der Ausstellungsbesucher sind nicht bekannt. Unter den Aufgeschlossenen von ihnen ging Kleins Rechnung aber wohl auf: Sie waren bereit, unterschiedliche Preise für seine Werke zu zahlen. So kaufte beispielsweise der berühmte italienische Maler und Bildhauer Lucio Fontana eines der Werke. Heute werden Yves Kleins Monochromien weltweit für Preise im niedrigen zweistelligen Millionenbereich versteigert.

Für Klein selbst zählte nach der Ausstellung in Mailand nur die Entscheidung der Käufer als Erfolg: "Diese Tatsache beweist zum einen, dass die malerische Qualität jedes einzelnen Bildes durch etwas anderes als seine materielle und physische Erscheinung wahrnehmbar war, und zum anderen natürlich, dass diejenigen, die eine Wahl trafen, jenen Zustand anerkannten, den ich ›malerische Sensibilität‹ nenne."