Was fand zuerst statt am Ort mit dem Namen "bauchiger Hügel" – das Zechen oder das Beten? Die Frage stellt sich, seit der deutsche Archäologe Klaus Schmidt von den 1990er-Jahren an auf dem Göbekli Tepe in Südostanatolien geheimnisvolle steinzeitliche Überreste freilegte: kreisförmige Anlagen mit gigantischen T-förmigen Pfeilern, bis zu sechs Meter hoch und 16 Tonnen schwer. Ziemlich einig sind sich die Wissenschaftler darüber, dass es sich um die weltweit ältesten bekannten Tempelanlagen handelt. Vor 11.600 Jahren wurden auf dem Göbekli Tepe religiöse Feste gefeiert.

Was aber hat es mit den sechs wannenartigen Steinen auf sich, die sich zwischen den Pfeilern fanden? 2012 untersuchte Martin Zarnkow vom Forschungszentrum Weihenstephan der TU München Rückstände aus den seltsamen Steingefäßen. Er fand Calciumoxalat, umgangssprachlich bekannt als Bierstein – ein untrüglicher Hinweis darauf, dass auf dem heiligen Hügel Fermentationsprozesse stattgefunden haben. Damit bestätigte Zarnkow die Vermutung des Archäologen Schmidt: Bei den Wannen aus Stein handelt es sich um Würzepfannen, in denen sehr frühe Braumeister aus den Körnerfrüchten von Wildgräsern eine Art Bier brauten – 160 Liter Steinzeit-Ale pro Sud.

Obendrein legen Unmengen von Tierknochen nahe, dass die Gottesdienste auf dem "bauchigen Hügel" nicht sonderlich asketisch verliefen. Vielmehr scheinen üppige Fress- und Saufgelage ein integraler Bestandteil der religiösen Partys gewesen zu sein.

Kombinationen aus Andacht und Drogen kennt man auch aus jüngeren Zeiten. Bewusstseinserweiternde Stoffe sind bewährte Katalysatoren religiöser Offenbarungen und Ekstasen. Inka-Priester brachten sich einst bei ihren Gottesdiensten mit vergorenem Fruchtsaft (und allerhand Pilzen) in Stimmung. Im Alten und Neuen Testament belegen zahlreiche Textstellen die Neigung biblischer Protagonisten zum Alkohol. Nach der Sintflut hatte Noah nichts Eiligeres zu tun, als einen Weinberg zu pflanzen. Als auf der Hochzeit zu Kanaa die alkoholischen Getränke ausgingen, verwandelte Jesus Wasser in Wein. Und Jahre später, bei seinem letzten Abendmahl, forderte der Religionsstifter die Jünger zum kollektiven Trinken auf.

Dadurch inspiriert ließen sich im Mittelalter auch die Klosterbrüder von Weinen und selbst gebrautem Starkbier bei der Gottsuche helfen. Und bei der Kommunion – seit frühchristlicher Zeit ein zentrales Ritual – steht im Mittelpunkt der gemeinsame Verzehr von Hostien und Wein. Dem Islam sind Weinschwemmen auch nicht fremd. Laut Koran erwarten den Heimgegangenen im Paradies Flüsse voller Wein, "köstlich den Trinkenden". Die alten Griechen stellten sich Dionysos, den Gott der Ekstase, als leidenschaftlichen Zecher vor. Und bei den Wikingern war Alkoholtrinken sogar himmlische Chefsache – der Hauptgott Odin heißt auch "der Betrunkene".

Doch Göbekli Tepe bietet noch eine spektakulärere Erkenntnis. Die Forscher hatten sich gefragt, wie Jäger- und Sammler wohl dazu kamen, lange vor der Sesshaftwerdung so viel Zeit und Energie in aufwendige Bauten zu investieren, die sich nicht einmal zum Wohnen eignen. Dörfer und Höfe waren noch nicht erfunden, Nutztiere gab es auch noch keine – die Wildbeuter mussten befreundete Stämme zusammentrommeln, die ihnen bei der Schwerstarbeit halfen.

Schon vor zehn Millionen Jahren lernten unsere Vorfahren, Vergorenes zu erschnüffeln

Der Archäologe Jens Notroff, Mitarbeiter im Göbekli-Tepe-Projekt des Deutschen Archäologischen Instituts, glaubt herausgefunden zu haben, wie den Steinzeitlern dies gelang. Das Rezept funktioniert bis heute: Will jemand seine Kumpel motivieren, ihm beim Umzug zu helfen, ordert er Pizza und eine Kiste Bier. In Göbekli Tepe standen als Lockmittel nahrhafte Auerochsensteaks und frisch vergorenes Bier bereit. Je größer die Anlage wurde, je mehr Riesensteine auf den "bauchigen Berg" gewuchtet werden mussten, desto generalstabsmäßiger galt es wohl, die Versorgung der helfenden Gruppen aus der Region zu sichern.

Auch die Feiern wurden immer raumgreifender. Anhand der gefundenen Tierknochen errechneten die Forscher eine erstaunlich hohe Beteiligung an den Gottesdienstgelagen: 500 bis 1000 Menschen kamen da zusammen. Als Nachschub für die Sudpfannen und den Betrieb der Tempelanlagen ernteten die Jäger und Sammler in großem Stil die Wildgetreidefelder der Umgebung ab – bis auch das nicht mehr reichte. Daher begannen die Menschen damit – statt mühselig Emmer und Einkorn zu sammeln –, die Felder gezielt zu bewirtschaften und Wiesen zu Äckern zu machen. Der Betrieb band immer mehr Menschen an den Kultort Göbekli Tepe, sie halfen, tranken und blieben. Der Ausgräber Schmidt fasste seine Erkenntnisse so zusammen: "Erst kam der Tempel, dann kam die Stadt."