Nur ein klitzekleines Molekül: sechs Wasserstoff- und ein Sauerstoff-Teilchen, die um zwei Kohlenstoff-Atome herumsitzen – wie Gäste um einen Tisch. Das Molekül macht heiter, redselig, gesellig, mitunter sogar verliebt. Es macht aber auch müde, dumpf, trübsinnig und streitsüchtig. Und es kann krank machen. Ja, sogar töten.

Das Molekül heißt Ethanol – aber wir alle kennen es unter einem anderen Namen: Alkohol. Es gehört zu unserem Alltag. Kaum eine Party kommt ohne Sekt oder Champagner aus. Zahllose Feierabende klingen mit einem Bierchen aus. Es gibt wenige Gasthäuser – Dreisternelokale oder Kaschemmen –, in denen kein Alkohol ausgeschenkt wird. Er schmeckt nämlich: nach guter Laune, nach Erfolg, nach Glück.

Doch das Molekül hat es in sich, seine Wirkung beginnt beschwingt und führt mitunter ins Desaster. 21.000 Menschen starben nach jüngsten Berechnungen des Münchner Instituts für Therapieforschung im Jahr 2012 in Deutschland an diesem unscheinbaren Teilchen – etwa die Hälfte von ihnen, weil es ihre Leber zerstört hatte. Fast 1,8 Millionen Menschen sind süchtig nach dem Molekül, 2,65 Millionen Kinder haben Eltern, die davon abhängig sind oder es missbrauchen. Und jeder vierte Patient, der in der Psychiatrie behandelt wird, hat Probleme mit diesem unvorstellbar kleinen Ding.

Sucht, kaputte Leber – da ist es leicht, zu denken: So was betrifft mich nicht. Doch das kleine Molekül schadet auch subtiler. Es treibt den Blutdruck hinauf und erhöht das Risiko für Schlaganfälle, es schädigt das Herz und löst Krebs aus. Es greift nämlich in sehr verschiedene Körperprozesse ein: in den Stoffwechsel, das Hormonsystem, die Immunabwehr und die Kommunikation zwischen den Nerven. Zudem entsteht bei seinem Abbau Acetaldehyd, ein Stoff, der das Erbgut schädigt und so Krebs begünstigt. Unter sämtlichen Risikofaktoren für Krankheit und vorzeitigen Tod lag Alkohol nach Daten des US-amerikanischen Institute for Health Metrics and Evaluation 2017 in Deutschland auf Platz sechs. (Auf Rang eins und zwei: Rauchen und ungesunde Ernährung.)

Die Folgen des Alkoholkonsums waren eines der heiß diskutierten Forschungsthemen des Jahres 2018. In der Rangliste jener Studien, die weltweit am meisten Aufsehen erregten, landeten gleich zwei Analysen zu den Risiken des Alkohols auf den vorderen Plätzen, eine gar auf Rang drei (hitziger debattiert wurde bloß noch über den Klimawandel und Fake-News). Verfasst hatten diese Studie Forscher im Projekt Global Burden of Disease, das die Auswirkungen von Krankheiten und Risikofaktoren beziffert. Ihr Fazit: Es gibt kein sicheres Level beim Trinken – jeder Tropfen schadet. Seither liegen Forschungsergebnis und Feierabendbier in bitterer Feindschaft.

Denn es bereitet ja Vergnügen, das Trinken: an einem Sommertag ein kaltes Bier zu zischen, zur Pasta einen Rotwein zu genießen, nach einem deftigen Essen ein Schnäpschen zu kippen. Ein Gläschen am Ende des Tages entspannt, und eines zum Start in die Nacht prickelt aufregend. Und Trinken macht nicht nur Freude – es schafft auch Freunde.

Was jeder weiß, wollte der Evolutionspsychologe Robin Dunbar von der Universität Oxford wissenschaftlich nachweisen. Er ließ Gäste in Pubs beobachten und befragen, dazu wertete er Daten einer Online-Umfrage aus. Das Resultat: Wer Alkohol trinkt, hat mehr enge Freunde. Das gilt besonders für jene, die ihr Ale in einer Stammkneipe trinken. Und ein dichtes soziales Netz wirkt sich wiederum positiv auf die Gesundheit aus. Dunbar sagt: "Wer Freunde hat, ist widerstandsfähiger gegen Krankheiten. Einsamkeit ist der größte Killer." Dass sich das Immunsystem in Gesellschaft wohler fühlt, ist bekannt. Und wenn es einen doch erwischt, stehen enge Freunde dem Kranken bei.