Die neue Top-Sendung auf Netflix heißt Aufräumen mit Marie Kondo, es geht darin um, äh, Aufräumen mit Marie Kondo. Marie Kondo ist eine kleine Japanerin, die nur über einen einzigen Gesichtsausdruck verfügt, so eine Art verzweifeltes Grinsen (in Anbetracht ihrer Tätigkeit unvermeidbar). Offenbar ist bei Frau Kondo alles tipptopp in Ordnung, weil sie extrem gut aufräumen kann, und aufgeräumtes Haus, so lernt man in der Sendung, bedeutet aufgeräumte Persönlichkeit.

Kondo zieht in ihrer Show durch ein unordentliches Haus nach dem anderen und macht das Leben von deren Bewohnern so spielend leicht korrekt und heil, dass man sofort alle Institute für Psychotherapie, Analyse und Nervenheilkunde schließen lassen möchte, um die lasch und depressiv brütende Menschheit des Spätkapitalismus lieber von Marie-Kondo-geschulten Ordnungstrupps wieder auf Vordermann bringen zu lassen. Ordnung, früher wusste man so was sprichwörtlich, ist das halbe Leben. Die andere Hälfte bleibt dann zum Arbeiten.

Schon als Kind, las ich auf Wikipedia über Marie Kondo, war sie vom Aufräumen besessen, dermaßen okkupierte es ihren wachen Geist, dass sie deswegen irgendwann in eine zweistündige Ohnmacht sank. Doch siehe, als sie erwachte, ward sie erleuchtet, es offenbarte sich ihr das Geheimnis der perfekten Ordnung , und es offenbarte sich, so las ich, "in einer mysteriösen Stimme, als spräche der Gott des Aufräumens".

Das ist, muss ich sagen, ein mir vollkommen neuer Gott! Weil er noch keinen Namen hat, taufe ich ihn, nach Freud, Analos. Man möchte zunächst denken, dass Analos im Pantheon kein sonderliches Standing hat. Zeus schämt sich, weil der penible, witzlose Analos natürlich wieder nur das Zeugnis ist von irgendeiner besoffenen, versehentlichen Vergewaltigung einer korrekten Nymphe, und würdigt ihn keines Blickes; Aphrodite lacht ihn aus; selbst ihr hässlicher Ex Hephaistos redet nicht mit Analos.

Schaut man Aufräumen mit Marie Kondo, begreift man aber, dass ausgerechnet Analos am Ende der Gott sein könnte, der uns doch noch alle ins 22. Jahrhundert hieven wird. Bevor er der Madonna Kondo erschien, hatte die noch gemeint, das Geheimnis des Aufräumens sei das Wegschmeißen überflüssiger Dinge. Analos aber gab ihr hoch dialektisch ein, dass es bei Ordnung nicht um das Wegschmeißenswürdige geht, sondern um das Behaltenswerte. Seither durchforstet sie mit ihren Patienten deren Häuser nach Objekten, die in ihnen Freude auslösen; was keine Freude auslöst, kann weg.

Reden wir nicht darüber, was für seltsame Gegenstände bei Kondos Patienten Freude auslösen oder wie traurig der Anblick eines Teddys auf dem Müll erst wird, wenn explizit klar ist, dass er Freude auszulösen nicht imstande war. Die Offenbarung an der Show ist, dass die Menschen sich umgeben mit Dingen, die ihnen kaum gefallen. Sehr viel kann weg. Analos demonstriert, dass im Innersten des kreditkartengestemmten Dauershoppings eine furchtbare Wahrheit wartet: Besitz belastet.

Wie diese antikonsumistische Wahrheit an den Zensoren vorbeikommen konnte, weiß der Himmel (!). Der Schock ihrer Erkenntnis aber sitzt bei den Patienten von Frau Kondo tief. Denn wenn man nicht mehr leben kann, um einzukaufen, dann, ja was dann eigentlich? Frau Kondo gibt sibyllinisch keine Antwort.

Du musst dein Leben ändern, mit dieser Botschaft lässt Analos uns allein und beweist so, dass er ein wahrer Gott ist.