Alles, die ganze schöne Feierlust, ist generalstabsmäßig vorbereitet, hundert Jahre Bauhaus, da darf man nichts dem Zufall überlassen. Gleich drei neue Museen soll es geben in Weimar, Berlin, Dessau, dazu republikweit Hunderte von Sonderschauen, Festivals, Symposien, viel Debatte natürlich und viel Unterhaltung. Es ist ein reich subventioniertes, ein bundespräsidial gut beschirmtes Gedenken – und nicht ohne nationalpolitische Nebenabsicht.

Der Blick geht zurück ins 20. Jahrhundert, und siehe, kein Stacheldraht, keine Massengräber, keine braundüsteren Schuldgefühle. Dafür ein Haufen kunstsinniger Idealisten, die angetreten sind, die Welt zu verändern, zum Guten, versteht sich. Es ist das helle, kreative Deutschland, das sich im Bauhaus-Jahr so entschieden feiert. Und das nicht müde wird, vom Weltruhm der kleinen Reformschule aus Weimar zu schwärmen. Verehrt von Tokio bis Chicago! Unser Kulturgut! Wann hat es das schon gegeben?

Noch besser wird die Angelegenheit dadurch, dass man keineswegs nur Stahlmöbel, Teekannen und kubische Bauten feiern möchte. Nein, auf dem Jubiläumsprogramm ganz oben steht das, was nicht wenige für einen urdeutschen Wesenszug halten: der Sinn fürs Eigentliche. Das Bauhaus sei ja kein Stil, sagen die Ausrichter der Feierlichkeiten. Es sei eine Haltung. Und diese inneren Werte müsse man also besonders würdigen, die Ideen, die damals viele inspirierten und die – wie praktisch – noch heute bestens zu gebrauchen seien.

Ob das aber stimmt? Das Bauhaus als Denk- und Utopieschule für die Gegenwart?

Mythos 1: Das Bauhaus war innovativ

Nur 14 stürmische Jahre lang gab es die Hochschule für Gestaltung, die zweimal umziehen musste, 1253 Schüler und drei Direktoren hatte und mehrfach eine disruptive Kehrtwende vollzog, sich bei aller Wandelbarkeit aber in einem stets treu blieb: in der Kunst der Selbstverklärung. Mit hymnischen Texten besang das Bauhaus die eigene Verwegenheit und pries sich als Speerspitze modernen Denkens. Vermutlich wollte man schon damals mit rhetorischem Tamtam davon ablenken, dass die meisten Gründungsideen nicht sonderlich originell und oft ein wenig reaktionär waren. In den ersten Bauhaus-Jahren hieß die Devise: Zurück ins Mittelalter! Ein Anfang voller Nostalgie.

"Das Kunstwerk hat heute nicht mehr seinen festen, geheiligten Platz inmitten des Volkes", schrieb Walter Gropius, der erste Bauhaus-Direktor. Sein Gründungsmanifest war geschmückt mit der Zeichnung einer alten Kathedrale, des "Sinnbilds eines neuen kommenden Glaubens", so hieß es. Man beschwor den Geist, "der unser Volk aus dem Abgrund emporführen kann und wird".

Nach dem Vorbild gotischer Bauhütten (von denen leitet sich der Name Bauhaus ab) wollte man das Handwerk ehren, es mit der Kunst verbünden und eine ganzheitliche, von allen akademischen Regeln gelöste Schöpferkraft freisetzen. Nicht um am Ende irgendwelche glanzvollen Bauten zu errichten, sondern um die Übel jener Zeit zu überwinden: die Weltangst nach dem Ersten Weltkrieg, die Entfremdungserfahrungen der Industrialisierung, einen als peinvoll erlebten Pluralismus.

Hochfliegende Träume waren das, doch nicht weiter ungewöhnlich in jenen Jahren. Schon 70 Jahre zuvor hatte Gottfried Semper ähnliche Ziele und Methoden vorgeschlagen, und ihm schlossen sich viele Architekten an, denn schon das 19. Jahrhundert war bauhausmodern und plädierte für einen erneuerten Zusammenhalt von Kunst, Handwerk und Gesellschaft. Hinzu kam wenig später die Lebensreformbewegung mit kruden Erlösungsfantasien, von denen einige auch im Bauhaus großen Raum bekamen.

So fand man nichts dabei, zunächst als Geheimloge aufzutreten, als elitärer Zirkel der Verschworenen. Neben Gropius kam dort dem Künstler Johannes Itten eine führende Rolle zu, der mönchische Kutten trug und seine Jünger mithilfe von Esoterik-Ritualen und einer Spezialdiät (Isländisch-Moos-Pudding, Knoblauch-Kaltschale) zu Aposteln der Weltbeglückung machen wollte. Er sprach viel über die Vollkommenheit der "weißen Rasse" und sah im Bauhaus ein "Haus des weißen Mannes". Viele Studenten fühlten sich davon tief berührt, erfüllt vom Geist der Überlegenheit, dem Geist ihrer Hochschule.

Es dauerte recht lange, vier Jahre, um genau zu sein, bis es Gropius zu dämmern begann, sein Bauhaus könnte als "Insel der Eigenbrötler" enden. Ein neues Programm musste her, Itten mit seiner Kutte verschwand, es kam aus Ungarn der Künstler László Moholy-Nagy, der im Dress eines Monteurs auftrat und so das runderneuerte Bauhaus-Motto bestens verkörperte: die Einheit von Kunst und Technik.