Als Viktoria, Katharina, Hubert und Johanna Oswald am vorletzten Samstag aufwachten, ahnten die Geschwister nicht, dass bald in ganz Deutschland über ihr Dorf berichtet werden würde. Die Kinder leben in Jachenau, einem kleinen Ort in Bayern. Zum neuen Jahr hatte es tagelang geschneit, nasse, schwere Flocken. Unter denen waren nachts die ersten Bäume umgestürzt. Sie versperrten die Straßen, die aus dem Tal hinausführen, in dem Jachenau liegt. Nur über einen kleinen Notweg konnte man das Dorf noch erreichen. Katharina, Viktoria, Hubert und Johanna und die anderen 866 Bewohner des Ortes sollten für eine Woche von der Außenwelt abgeschnitten sein.

Auch wir konnten die Familie Oswald in dieser Zeit nicht besuchen. Wir haben mit ihnen telefoniert und E-Mails geschrieben. Als ein Mast umstürzt, funktionieren das Internet und das Telefon der Familie eine Weile nicht mehr. Aber übers Handy schicken sie Fotos, auf denen man sie lachend beim Skifahren sieht.

Dass sie eingeschneit sind, erfuhr Familie Oswald über die WhatsApp-Gruppen der Schulklassen und vom Skiclub. Eigentlich waren die vier Geschwister ein bisschen wehmütig gewesen, weil die Weihnachtsferien zu Ende gingen. Doch dann kam die Nachricht von den versperrten Straßen – und das hieß auch: länger schulfrei. "Ich hab mich gleich so gefreut", sagt die zehnjährige Viktoria.

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Sie, ihr Bruder Hubert, 13 Jahre, und ihre Schwester Johanna, 15 Jahre, gehen in Lenggries zur Schule, dem nächsten größeren Ort. Ihr Papa fährt normalerweise den Schulbus dorthin, aber auch er kam nicht durch. Katharina, 8 Jahre alt, besucht die Grundschule im Dorf. Sie und ihre Mitschüler hätten zwar im Klassenraum sitzen können, nur war niemand da, um sie zu unterrichten. Die Lehrer wohnen nämlich nicht in Jachenau. Und so wie die Dorfbewohner nicht rauskamen, gelangten die Lehrer nicht hinein.

Eingeschneit sein gefiel Viktoria und Katharina ziemlich gut. "Wenn Schule ist, müssen wir um halb sieben aufstehen", sagt Viktoria. Jetzt schliefen die Kinder aus. Vor neun rührte sich keiner im Haus. "Es ist einfach schön", sagt Katharina. Für ihre Mama Andrea war es ein seltsames Gefühl, jeden Tag wieder zu hören: Es dauert noch, bis die Straßen geräumt sind. "Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir eine Woche nicht rauskommen", sagt die Mutter. Selbst die Großeltern können sich nicht erinnern, dass ihr Dorf schon mal so von der Welt getrennt war.

Dabei liegt für die Jachenauer gar nicht so viel Schnee: zwischen 1,05 und 1,30 Meter. Die Spitzen des Gartenzauns der Familie schauen noch aus der weißen Decke heraus. In anderen Jahren lag schon so viel Schnee, dass sie nicht mehr zu sehen waren und man einfach über den Zaun drüberlaufen konnte. Aber in diesem Jahr ist es nicht kalt genug. Deshalb fällt kein leichter Pulverschnee, sondern nasser, der zu schwer für die Bäume ist.

Die Feuerwehr konnte eine kleinere Straße so weit frei räumen, dass über einen Notweg Lieferungen mit Lebensmitteln durchkamen. Und das Rote Kreuz brachte einen Krankenwagen, falls sich jemand verletzt. Ein Krankenhaus gibt es in Jachenau nämlich nicht.