"Es läuft nicht immer alles glatt"

Eines meiner besten und schönsten Fußballspiele war gegen Schottland im Jahr 2003, EM-Qualifikation. Ich stand für das deutsche Team im Mittelfeld, der Trainer war damals Rudi Völler. Wir gewannen 2 : 1, ich konnte 90 Minuten durchspielen. Sechs Jahre später habe ich mich dazu entschlossen, meine Karriere zu beenden und ein Lehramtsstudium zu beginnen. Mein Körper war einfach nicht für den Profifußball geeignet, ich wurde immer wieder von Verletzungen geplagt. Vom ersten Moment an war ich zufrieden mit meiner Entscheidung, Lehrer zu werden. Es hat mich glücklicher gemacht. Ich bereue nichts und würde es genau so wieder machen. Dennoch habe ich damals wochenlang gegrübelt. Ich war 27 Jahre alt und hatte noch die Option, in einen Zweitliga-Verein oder ins Ausland zu wechseln. In der Uni war ich dann einer der Älteren, es war eine riesige Umstellung. Das Leben im Hörsaal ist ja auch ein ganz anderes als auf dem Fußballfeld. Im Profisport wird dir vieles organisiert, man lernt nicht unbedingt, wie Selbstständigkeit funktioniert. Viele Fußballer haben große Schwierigkeiten, in das reale Leben einzutauchen. Ich hatte damit aber zum Glück keine Probleme.

Meine Fähigkeiten aus der Fußballkarriere habe ich nach dem Referendariat als Lehrer anwenden können: Disziplin, Ausdauer, Kommunikation. Mein Ziel ist es, die Schüler weiterzubringen. Sie sollen auch lernen, dass nicht immer alles glattläuft. Meine Vergangenheit als Profifußballer wird im Unterricht immer mal wieder angesprochen – nicht nur im Sportunterricht. Zum Beispiel auch in Biologie, wenn es um die Heilung von Verletzungen geht. Manchmal muss ich die Schüler auch bremsen und die Fragen zu meiner Karriere auf die Pause verschieben. Das Verrückte ist: Sie wollen immer noch Autogrammkarten haben.

"Nicht die Nerven verlieren"

Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie, mein Abitur habe ich auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt. Heute bin ich Arbeitsdirektor bei der Hamburger Hafen und Logistik AG. Unser Unternehmen verlädt unter anderem Container, die ankommen oder verschifft werden. Vor dieser Zeit habe ich zunächst eine Ausbildung als Koch gemacht. Was ich da gelernt habe, kann ich auch in meinem jetzigen Beruf gebrauchen: organisieren, strukturiert arbeiten, nicht die Nerven verlieren. Kochen ist auf Output ausgelegt, man muss ein Teamplayer sein, Stress aushalten. In der Logistik ist es ähnlich: Wir können unsere Reeder-Kunden nicht warten lassen, die logistischen Abläufe müssen funktionieren. Im Management muss ich – wie in der Küche – die Fähigkeiten meiner Kollegen einbeziehen. Vor allem hilft mir meine Koch-Ausbildung im direkten Umgang mit den Hafenarbeitern. Sie wissen, dass ich auch mal einen gewerblichen Händejob hatte, und zwar 60 Stunden die Woche! Deshalb ist es für mich schwer nachzuvollziehen, wenn sich Hafenarbeiter über eine 35-Stunden-Woche beklagen.

Nach der Koch-Ausbildung wollte ich etwas Neues probieren. Ich bin zur Marine gegangen und habe mich zum Minentaucher ausbilden lassen. Da habe ich gelernt, klar zu formulieren. Bei meinen Kollegen musste ankommen, was ich von ihnen wollte. Schließlich haben wir unter Wasser gearbeitet. Bei der Bundeswehr war der Ton rau – wie im Hafen. Einige Mitarbeiter haben schon mal versucht, mich mit Drohgebärden zu beeindrucken. Bei Betriebsversammlungen wurde ich mal als "Arschloch" beschimpft. Das nehme ich gelassen und kontere, ohne dabei missverstanden zu werden: Halt die Klappe, sag ich dann, lass mich mal aussprechen. Das klingt dann auch nicht nach irgendeinem Seminar für Führungskräfte. Die Mitarbeiter akzeptieren das, weil sie meine Biografie kennen.

"Ich musste aus meiner Nische raus"

Nebenher zu studieren und einen Executive Master of Business Administration (EMBA) zu absolvieren war stressig – aber auch toll. Ich habe zwei Kinder, damals neun und elf, so eine Belastung muss man vorher mit der Familie absprechen. Mein Mann ist auch berufstätig. Als ich den EMBA an der Mannheim Business School begann, hatte ich schon 16 Jahre Berufserfahrung nach meinem ersten akademischen Abschluss gesammelt. Nach dem Biologie-Diplom habe ich promoviert und bin danach bei einem Pharmaunternehmen eingestiegen. Ich bin stellvertretende Leiterin Medizin im Bereich Stoffwechselerkrankungen und an der Entwicklung von Medikamenten gegen Diabetes und Fettleibigkeit beteiligt. Irgendwann hat mich einer meiner Vorgesetzten gefragt, ob ich nicht einen EMBA draufsatteln wolle.

Meine erste Reaktion war: Wie soll ich das bloß schaffen? Der Gedanke hat mich aber einfach nicht losgelassen. Als Naturwissenschaftlerin war ich bestens ausgebildet, aber mir fehlte das Wissen über Marketing und Finanzplanung. Der EMBA behandelt auch Human Resources, Corporate Culture, Leadership, persönliches Management. Er bereitet auf die Frage vor: Wie sieht es aus, wenn du Chefin eines kleinen Unternehmens bist? Um beruflich aufzusteigen, muss ich aus meiner Nische raus und mit Leuten in Kontakt kommen, die etwas ganz anderes machen. Ich hatte Glück, dass mein Arbeitgeber das Masterstudium bezahlt hat und ich an meinen Studientagen keinen Urlaub nehmen musste. Auch nicht, als wir für ein Leadership-Training nach Frankreich fuhren, in ein Militärcamp. Wir mussten durch den Wald robben und unter Stacheldraht krabbeln. Das habe ich unbeschadet überstanden und den EMBA im November abgeschlossen. Nun habe ich mehr Möglichkeiten, mich in meinem Unternehmen weiterzuentwickeln.