Der größte Gefallen, den man Björn Höcke tun kann, ist, zu glauben, den Mann umgebe ein Geheimnis, ein diabolisches Charisma, das ihn heraushebt aus der Riege der Apparatschiks und Berufspolitiker und ihn weit einflussreicher macht, als es seinem Amt als Fraktionsvorsitzender der Thüringer AfD entspricht. Viel Zeit und Mühe hat Höcke in den vergangenen Jahren darauf verwendet, seine Anhänger und Gegner glauben zu lassen, er sei ein Politiker nicht von dieser Welt. Dieser Nimbus machte ihn mächtig. So mächtig, dass seine Anhänger ihn schon jetzt als deutschen Messias verehren und erwarten, dass er das Volk rettet vor Moderne, Überfremdung und Individualisierung.

Das Jahr 2019 könnte entscheidend werden für Höcke und die AfD. Im Herbst wird in drei Bundesländern des Ostens gewählt, darunter Thüringen. Prognosen zufolge könnte die AfD in drei Landesparlamenten stärkste Partei werden. Davon profitiert vor allem einer: Björn Höcke. Den sehen schon jetzt viele in der AfD als kommenden Mann, als Vorsitzenden womöglich. Grund genug, sich mit seinem vermeintlichen Geheimnis eingehender zu befassen. Wer ist der Mann?

Ein "Nationalromantiker", meinte sein Förderer Alexander Gauland mal. Die Romantik, schreibt der Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski in einem Buch über diese "deutschen Affäre", entstand Ende des 18. Jahrhunderts als Reaktion auf die Verstandesherrschaft der Aufklärung und hatte die "Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln" zum Ziel – und das nicht nur in Kunst, Philosophie, Literatur, sondern auch in Gesellschaft und Politik. Doch was bedeutet es, ein Nationalromantiker im 21. Jahrhundert zu sein? Und wie ist es um die romantische Beschaffenheit Höckes bestellt?

Um das zu verstehen, empfiehlt sich der Blick in ein bislang übersehenes Buch. Vor einigen Monaten ist es erschienen und wurde seitdem von der Literatur- und Sachbuchkritik weitgehend ignoriert, gleichwohl es sicher bald als Standardwerk nationalromantischer Bekenntnisliteratur eingestuft werden dürfte. Sein Autor: Björn Höcke. "Nie zweimal in denselben Fluss" heißt das Werk, in dem Höcke in einem 300 Seiten langen Interview erschöpfend Auskunft gibt über sich und Deutschland. Dem Interview ist ein Vorwort des Dresdner Autors Frank Böckelmann vorangestellt. Der vorliegende Band, heißt es darin, biete Gelegenheit, sich aus "erster Hand" ein Bild zu machen von Höcke. Nur leider bekommt der Leser dann ausführlich von Böckelmann vorgekaut, welches Bild das sein soll. Es lautet: Dieser Mann ist mit irdischen Maßstäben nicht zu messen. Deshalb perlt die Kritik der Sterblichen auch ab an ihm.

Der Holocaust? Bleibt im Buch unerwähnt

So anmoderiert, tritt der Extraterrestrische dann persönlich auf, ehrerbietig souffliert vom Dresdner Maler Sebastian Hennig. Gleich zu Beginn gewährt Höcke intime Einblicke in eine deutsche Jugend: "Im Gegensatz zu meinen Schwestern bewegen mich die Ruinen der Rheinlandschaft sehr viel mehr als die erhaltenen oder wiederaufgebauten Burgen. Diese Anblicke erzeugten schon als Kind bei mir eine Wehmut über das vergangene menschliche Leben."

Alte Gemäuer, vergangene Größe, der Rhein, der Jüngling, die Wehmut – die wichtigsten Zutaten der deutschen Romantik kompiliert Höcke hier zu Fragmenten seines persönlichen Bildungsromans. Dabei hält er sich streng an Novalis’ Bedienungsanleitung fürs Romantische: "Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es."

So schaut Höcke nicht nur auf Ruinen. So schaut er auch auf die Großeltern ("Wie bescheiden diese Menschen waren"), den deutschen Wald ("Naturkontakte" helfen gegen die "überzivilisierte Lebenswelt") und immer wieder auf sich selbst ("Eine gewisse Unbedingtheit, Kühnheit und Wirklichkeitsverachtung gehören dazu, wenn man mehr will, als nur das Vorhandene zu reproduzieren"). In erdigen Farben malt Björn Höcke so das Selbstporträt eines deutschen Führers als junger Mann. Und anders als den gewöhnlichen Politiker hat den nicht der Wähler, sondern das Schicksal erwählt. Es spricht angeblich durch ihn: "Oft fühlt man sich lediglich als Medium, als Bewegter und Bewegender zugleich."

Doch nicht nur die eigene, auch die deutsche Historie wird bei Höcke zum Mittel politischer Verklärung. "Die Lichtseiten der Geschichte", schreibt er, "bilden den Kern der Identität, ohne die ebenso vorhandenen Schattenseiten zu leugnen." Und tatsächlich leugnet Höcke die deutschen Schattenseiten auch nicht. Er ignoriert sie. Der Holocaust? Bleibt unerwähnt, so als sei er nie geschehen. Der Nationalsozialismus? War offenbar gut gemeint. Denn er habe versucht, "mit brachialen Mitteln und Methoden die Krisen der Moderne in den Griff zu bekommen". Blöd nur, dass er "Trümmerfelder" hinterließ, auf denen sich der "zersetzende Materialismus" umso "ungezügelter ausbreiten konnte". Preußens Militarismus? Kein Verbrechen, sondern vorbildhaft für Deutschland. Deshalb fühlte sich Höcke schon als Bundeswehr-Rekrut Preußens Glanz und Glorie mehr verbunden als der Parlamentsarmee, deren Uniform er trug. Diese "Armee ohne Ernsthaftigkeit und Ernstfall", schreibt Höcke, war nie eine "genuin deutsche Armee, die an die großen nationalen Militärtraditionen anknüpfen wollte". Stets habe sie "im Dienst fremder Mächte" gestanden. O ja, Höcke muss als feingeistiger Nationalromantiker sehr gelitten haben beim Bund.

Der Glaube ist seine Politik, und die Politik ist sein Glaube

Was hätte Novalis dem unglücklichen deutschen Heros in Uniform wohl ins Ohr geflüstert? Hätte er ihm Mut gemacht, nicht zu verbittern angesichts des Drills in der unperfekten Welt? Denn verbittert ist Björn Höcke schon ab und an. Denkt Höcke an den Parlamentarismus in der Nacht, ist er um den Schlaf gebracht. Dann fallen ihm allerlei Synonyme ein für den Typus des Berufspolitikers, den er verachtet und mit dem er, obwohl er selbst einer ist, nicht verwechselt werden will. Dann schimpft er auf die "Realitätsverweigerer", "Hysteriker", "Schizophrenen", "Autoaggressiven", "Psychopathen" und "mediokren Schweinchen-Schlau-Figuren der heutigen Parteiendemokratie". Dann sucht er, um sich nicht völlig zu vergessen, Ruhe und Versenkung bei Caspar David Friedrich. Dessen "Wanderer über dem Nebelmeer" hängt als Kunstdruck bei den Höckes überm Kamin. Der Wanderer "mahnt mich", resümiert Höcke, "nicht zu tief in die Senken der Parteipolitik abzugleiten, wo im Tagesgeschäft oft das Unwesentliche, ja, das Ungeistige dominiert".

Wie dunkle Materie hält der Wille zur Größe das Höcke-Universum zusammen und scheint seinen Schöpfer zu bewahren vor der Verzweiflung und dem Rückzug in die private Rührseligkeit. Auch Novalis kannte diese Sehnsucht nach göttlicher Größe im Diesseits. "Es ist unmöglich", schreibt der Vater der Romantik, "dass weltliche Kräfte sich selbst ins Gleichgewicht setzen, ein drittes Element, das weltlich und überirdisch zugleich ist, kann allein diese Aufgabe lösen." Für Novalis war das der Katholizismus. Ihm verschrieb er sich. Für Höcke liegt die Erfüllung anderswo. Zwar wohnt er mit Frau und Kindern in einem 500 Jahre alten Pfarrhaus, kann aber mit Religion, wie er sagt, wenig anfangen: "Die biblischen Geschichten waren für mich Begebenheiten aus einer zu fernen Welt – es gab da zu viel Wüste und zu wenig Wald." Björn Höcke fand sein Heil in einem anderen Element nicht von dieser Welt: im Volk.

Der Begriff scheint vertraut. Nur meint Höcke etwas anderes damit als ein durchschnittlicher Volksvertreter. Bei Höcke wird "das Volk" nie zum schnöden Wortbestandteil. Nie ist es wie in "Staatsvolk" oder "Volkswirtschaft" an etwas Höheres, Übergeordnetes gebunden. Denn für Björn Höcke gibt es nicht Wichtigeres und Höheres als das Volk. In seiner Welt schrumpfen vor der Heiligkeit des Volkes Staat und Wirtschaft zu bloßen Petitessen. Historiker, die wie der Engländer Eric Hobsbawm etwas anderes behaupten und das Volk lediglich für ein politisches Konstrukt halten, für einen Kampfbegriff, der mit der Staatenbildung im 19. Jahrhundert entstand, um die heterogenen Bevölkerungen zu politischen Einheiten zu formen, sind für den großen Björn Höcke nur kleine Geister. Björn Höcke weiß, dass das Volk nicht nur Konstrukt ist. Sein Glaube sagt es ihm. Und der Glaube ist seine Politik, und die Politik ist sein Glaube. Wie die Liebe, schreibt er, könne man "das Phänomen des Volkes nur umschreiben, um es fassbar zu machen".

Ganz ähnlich argumentierte Joseph Goebbels, als er 1933 die "stählerne Romantik" zur geistigen Tiefenströmung des Nationalsozialismus erklärte: "Wir haben also in unserer Bestätigung wieder ein Zentrum", schreibt Goebbels, "einen festen Pol in der Erscheinungen Flucht – das Volk als Ding an sich, das Volk als der Begriff der Unantastbarkeit, dem alles zu dienen und dem sich alles unterzuordnen hat."

Höcke scheint die gefährliche geistige Verwandtschaft zu spüren. Anders als Goebbels gebraucht er die Worte "Volk" und "Rasse" nicht synonym, streitet sogar ab, Anhänger eines "biologischen Reduktionismus" zu sein. Nur straft er diese Distanzierung sogleich Lügen, indem er das Volk über die "relative Endogamie", das Fortpflanzungsverhalten innerhalb einer Gruppe, begründet und die Deutschen vor den verlotterten amerikanischen Zuständen warnt: "Die Weißen und die Schwarzen setzten sich vor ihrer Amerikanisierung aus mehreren hochdifferenzierten Völkern mit eigenen Identitäten zusammen. Jetzt sind sie in einer Masse aufgegangen. Diesen Abstieg sollten wir Europäer vermeiden und die Völker bewahren."

Auch und gerade weil dieser Abstieg, wie Höcke behauptet, ohne sich in den Niederungen der Beweisführung zu verlieren, angeblich politisch gewollt und "Teil der Demografiestrategie der Bundesregierung" ist. Diese laute: "die brutale Verdrängung der Deutschen aus ihrem angestammten Siedlungsgebiet". Wer diese Strategie durchkreuzen wolle, komme, so Höcke, nicht umhin, die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime zu verringern. Dass viele dieser Muslime deutsche Staatsbürger sind, ist für Höcke irrelevant, weil der Staat für ihn irrelevant ist. Schließlich hat der Staat zu folgen, wenn das Volk befiehlt.

"Es geht auch um die Wiederverzauberung der Welt"

Doch wie befiehlt das Volk? Es spricht, argumentiert Höcke, vor allem durch einen Mittler: den perfekten Mann. Der Mann müsse endlich "aufwachen" und sich der "besonderen Verantwortung für das Ganze bewusst werden". "Unsere Zukunft", fährt der Autor beinahe flehend fort, "hängt auch an der Frage männlicher Ehre und Würde." Doch dazu müsse der Mann sich erst seines "verkümmerten männlichen Selbstbewusstseins" entledigen und die tradierten männlichen Tugenden wieder kultivieren lernen: Wehrhaftigkeit, Weisheit, Unerbittlichkeit, Härte gegen sich und besonders gegen andere. Denn anders könne man(n) es nicht ertragen, "wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung zu widersetzen".

Höcke erhebt Politik zum Religionsersatz – und entzieht sie so dem Diskurs

Höcke ist zu klug und zu gespielt bescheiden, um auszusprechen, wen er für die Reinkarnation des perfekten Mannes hält, auch wenn es natürlich offensichtlich ist: sich selbst. Das war zu erwarten. Für den Romantiker ist die Welt nur Gelegenheit, um sich selbst neu und groß zu fühlen. Das wusste Friedrich Schlegel schon 1796. "Ich werde glücklich sein", schrieb der, "wenn ich erst in der Politik schwelgen kann." Und so schwelgt Höcke durch die deutsche Parteienlandschaft, schwärmt von sich, vom Volk, vom Rhein, von den Großeltern und kultiviert seinen Hass auf den Islam und den Parlamentarismus als Ekstase der Hingabe ans Große.

Das kann man für grenzenlos naiv halten, sogar für größenwahnsinnig – oder eben für eine kalkulierte Inszenierung. Indem Björn Höcke die Politik romantisiert und zum Religionsersatz erhebt, entzieht er sie dem Diskurs und macht sie für Argumente und Fakten unzugänglich. So trifft er unter Umgehung des Verstands direkt das deutsche Gemüt. Und warum das Ganze? Um, wie Höcke schreibt, "der kalten funktionalen Welt eine Seele einzuhauchen, indem wir wieder beginnen, die faszinierenden Dinge hinter den Dingen zu entdecken". Es gehe nicht nur darum, ein Gemeinwesen gut zu organisieren. "Es geht auch um die Wiederverzauberung der Welt."

Was der selbst ernannte Zauberer aus Kalkül verschweigt oder weil er seiner eigenen Inszenierung bereits aufgesessen ist: Politik kann die Welt nicht beseelen. Nicht mal der strahlende Ritter aus Höckes romantischer Kunstwelt besitzt einen Zauberstab fürs Hier und Jetzt. Da kann er noch so gerne tun als ob. "Immer bleibt das Missverständnis", warnt der Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski, "dass man in der Politik etwas sucht, was man dort niemals finden wird: Erlösung, das wahre Sein, Antworten auf die letzten Fragen, Verwirklichung der Träume, Utopie des gelingenden Lebens, den Gott der Geschichte, Apokalypse und Eschatologie."

Und doch trifft Björn Höcke einen Punkt, wenn er schreibt: "Die entzauberte Welt ist für eine wachsende Zahl von Menschen kein angenehmer Ort." Nur, was geht das die Politik an? Für Erlösung ist sie nicht zuständig. Die entspringt aus einer anderen Quelle. Richard von Weizsäcker beschrieb 1985 in seiner berühmten Rede zum Ende des Zweiten Weltkriegs auch, aus welcher. Wir hätten allen Grund, so von Weizsäcker, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrwegs deutscher Geschichte zu erkennen. Erst dieses Ende habe den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in sich getragen. Deshalb dürfe man dieses Ende auch nicht vergessen.

Nicht die Lichtseiten der Geschichte schaffen schließlich Identität, sondern die Erinnerung ans Dunkel, das man durchschritten hat. "Die Erinnerung", so von Weizsäcker, "ist die Erfahrung vom Wirken Gottes in der Geschichte. Sie ist die Quelle des Glaubens an die Erlösung." Wer diese Erfahrung vergesse, mahnt Weizsäcker, verliere den Glauben. Der wird wieder anfällig für politische Zauberer, Scharlatane und Kathederpropheten. Wie Björn Höcke versprechen die dann den Wählern den deutschen Himmel auf Erden und schwärmen von altbekannter deutscher Größe. Doch groß sind in Wahrheit nur die Versprechen, die wieder nicht gehalten werden können.

Björn Höcke, Sebastian Hennig: Nie zweimal in denselben Fluss. Manuscriptum Verlag, Lüdinghausen 2018. 304 Seiten, 18,90 Euro.