Doch wie befiehlt das Volk? Es spricht, argumentiert Höcke, vor allem durch einen Mittler: den perfekten Mann. Der Mann müsse endlich "aufwachen" und sich der "besonderen Verantwortung für das Ganze bewusst werden". "Unsere Zukunft", fährt der Autor beinahe flehend fort, "hängt auch an der Frage männlicher Ehre und Würde." Doch dazu müsse der Mann sich erst seines "verkümmerten männlichen Selbstbewusstseins" entledigen und die tradierten männlichen Tugenden wieder kultivieren lernen: Wehrhaftigkeit, Weisheit, Unerbittlichkeit, Härte gegen sich und besonders gegen andere. Denn anders könne man(n) es nicht ertragen, "wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung zu widersetzen".

Höcke erhebt Politik zum Religionsersatz – und entzieht sie so dem Diskurs

Höcke ist zu klug und zu gespielt bescheiden, um auszusprechen, wen er für die Reinkarnation des perfekten Mannes hält, auch wenn es natürlich offensichtlich ist: sich selbst. Das war zu erwarten. Für den Romantiker ist die Welt nur Gelegenheit, um sich selbst neu und groß zu fühlen. Das wusste Friedrich Schlegel schon 1796. "Ich werde glücklich sein", schrieb der, "wenn ich erst in der Politik schwelgen kann." Und so schwelgt Höcke durch die deutsche Parteienlandschaft, schwärmt von sich, vom Volk, vom Rhein, von den Großeltern und kultiviert seinen Hass auf den Islam und den Parlamentarismus als Ekstase der Hingabe ans Große.

Das kann man für grenzenlos naiv halten, sogar für größenwahnsinnig – oder eben für eine kalkulierte Inszenierung. Indem Björn Höcke die Politik romantisiert und zum Religionsersatz erhebt, entzieht er sie dem Diskurs und macht sie für Argumente und Fakten unzugänglich. So trifft er unter Umgehung des Verstands direkt das deutsche Gemüt. Und warum das Ganze? Um, wie Höcke schreibt, "der kalten funktionalen Welt eine Seele einzuhauchen, indem wir wieder beginnen, die faszinierenden Dinge hinter den Dingen zu entdecken". Es gehe nicht nur darum, ein Gemeinwesen gut zu organisieren. "Es geht auch um die Wiederverzauberung der Welt."

Was der selbst ernannte Zauberer aus Kalkül verschweigt oder weil er seiner eigenen Inszenierung bereits aufgesessen ist: Politik kann die Welt nicht beseelen. Nicht mal der strahlende Ritter aus Höckes romantischer Kunstwelt besitzt einen Zauberstab fürs Hier und Jetzt. Da kann er noch so gerne tun als ob. "Immer bleibt das Missverständnis", warnt der Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski, "dass man in der Politik etwas sucht, was man dort niemals finden wird: Erlösung, das wahre Sein, Antworten auf die letzten Fragen, Verwirklichung der Träume, Utopie des gelingenden Lebens, den Gott der Geschichte, Apokalypse und Eschatologie."

Und doch trifft Björn Höcke einen Punkt, wenn er schreibt: "Die entzauberte Welt ist für eine wachsende Zahl von Menschen kein angenehmer Ort." Nur, was geht das die Politik an? Für Erlösung ist sie nicht zuständig. Die entspringt aus einer anderen Quelle. Richard von Weizsäcker beschrieb 1985 in seiner berühmten Rede zum Ende des Zweiten Weltkriegs auch, aus welcher. Wir hätten allen Grund, so von Weizsäcker, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrwegs deutscher Geschichte zu erkennen. Erst dieses Ende habe den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in sich getragen. Deshalb dürfe man dieses Ende auch nicht vergessen.

Nicht die Lichtseiten der Geschichte schaffen schließlich Identität, sondern die Erinnerung ans Dunkel, das man durchschritten hat. "Die Erinnerung", so von Weizsäcker, "ist die Erfahrung vom Wirken Gottes in der Geschichte. Sie ist die Quelle des Glaubens an die Erlösung." Wer diese Erfahrung vergesse, mahnt Weizsäcker, verliere den Glauben. Der wird wieder anfällig für politische Zauberer, Scharlatane und Kathederpropheten. Wie Björn Höcke versprechen die dann den Wählern den deutschen Himmel auf Erden und schwärmen von altbekannter deutscher Größe. Doch groß sind in Wahrheit nur die Versprechen, die wieder nicht gehalten werden können.

Björn Höcke, Sebastian Hennig: Nie zweimal in denselben Fluss. Manuscriptum Verlag, Lüdinghausen 2018. 304 Seiten, 18,90 Euro.