Es ist noch keine zehn Jahre her, da warnte der englische Autor Henry Hemming davor, dass "der englische Exzentriker gerade zu einer gefährdeten Art wird". Seine Sorge war unbegründet. Der englische Exzentriker ist nicht nur nicht vom Aussterben bedroht, er steht derzeit an der Spitze der Nahrungskette. Man kann sich den Brexit als Auswilderung vorstellen: Wie Wölfe, Bären oder Luchse, die in der Natur ausgesetzt werden, hat der Brexit den englischen Exzentriker in die Landschaft der Macht zurückgebracht. Als großen Erfolg möchte man das Ganze nicht bezeichnen: Seltsame Geschöpfe wie die Erz-Brexiteers Boris Johnson und Jacob Rees-Mogg haben dem politischen Ökosystem verheerende Schäden zugefügt.

In Videoclips können wir sehen, wie Boris Johnson in einer Seilrutsche festhängt, einen Union Jack in jeder Hand, oder wie Jacob Rees-Mogg in der Kleidung eines Schauspielers, der den Gentleman in einem Film aus den 1940er-Jahren spielt, sein Kindermädchen mitbringt, um Wahlwerbung für sich zu machen. Zunächst mag es uns nachsichtig stimmen: wie herrlich und komisch englisch sie sind! Dann aber erinnern wir uns, dass niemand so viel dazu beigetragen hat wie Johnson, seine Landsleute im Juni 2016 von einem Austritt aus der Europäischen Union zu überzeugen, und dass Rees-Mogg der Anführer einer Hardliner-Fraktion bei den Tories ist, die Großbritannien an den Rand des katastrophalen ungeregelten Brexits gebracht hat. Figuren, die in einem Roman von Charles Dickens oder P. G. Wodehouse amüsant wären, prägen das Schicksal einer großen Nation vielleicht auf Generationen hinaus.

Wie konnte es dazu kommen? Ein Ausgangspunkt zur Beantwortung dieser Frage ist tatsächlich Hemmings Lamento in seinem Buch In Search of the English Eccentric. Er verwendet Signalbegriffe wie "Gouvernantenstaat", "kulturelle Globalisierung", "politische Korrektheit", "risikoresistente Planung" und natürlich "europäische Standardisierung". Er fürchtet, dass "die Irregularitäten der englischen Gesellschaft eine nach der anderen weggebügelt wurden und damit der Exzentriker bestraft, eingesperrt oder an (...) all das assimiliert wurde, was ich unter dem Wort ›normal‹ verstand".

Diese Angst lebt von zwei stillschweigenden Annahmen, die sowohl zum Brexit beitrugen als auch dazu, dass er von Exzentrikern angeführt wurde. Die erste Annahme lautet, dass exzentrisch zu sein nicht nur eine persönliche Kuriosität ist, sondern Ausdruck des englischen Nationalcharakters und deshalb eine Angelegenheit von politischer Bedeutung. Und dass dieser Nationalcharakter, so die zweite Annahme, bedroht ist. Er werde durch eine homogenisierte Normalität gewaltsam unterdrückt. Dieses "Wegbügeln" alles typisch Englischen aber sei eine Folge nicht nur der Globalisierung, sondern insbesondere der europäischen Regulierungswut.

Wenn man so denkt, erscheint es nachvollziehbar, den Brexit als Wiederbehauptung des wahren englischen Charakters zu sehen, als Rettung seiner Einzigartigkeit vor den Fluten der Euro-Ödnis. Und so konnten Exzentriker wie Johnson und Rees-Mogg, Parodien ihrer selbst, nicht nur als Retter dieser gefährdeten englischen Eigentümlichkeit, sondern als deren Verkörperung erscheinen.

Die Idee, das Exzentrische stehe für die englische Freiheit, wird auf der Insel schon lange gehegt: Dass das Land sich an seinen Exzentrikern aus der Oberschicht ergötzte, so geht die Geschichte, hob es vorteilhaft von dem Konformismus der versklavten Kontinentaleuropäer ab und war folglich eine Art persönlicher Tribut an die Tugenden der englischen Verfassung. Diese Vorstellung enthielt mehr als ein Körnchen religiöses Vorurteil: Protestanten dachten demzufolge selbstständig, während Katholiken (vor allem die französischen) blindwütige Anhänger einer kirchlichen (und damit politischen) Autorität waren. Die Exzentrizität bewies, welchen Wert England auf Individualismus legte: Nur in England war man so frei, sich in einer Weise aufzuführen, die der Großteil der Gesellschaft als sonderbar empfand.

John Stuart Mill, der große Theoretiker des britischen Liberalismus, ließ daran keinen Zweifel. Unter dem Titel Über die Freiheit schrieb er 1859: "Gerade weil die Tyrannei der öffentlichen Meinung so stark ist, dass das Exzentrische einem zum Vorwurf gemacht wird, ist es erwünscht, dass man exzentrisch ist, um diese Tyrannei zu durchbrechen." Exzentrisch zu sein war eine Revolte gegen die Tyrannei der Konformität. Je schönere Blüten ihre Exzentrik trieb, umso mehr konnten sich die Engländer als ein Volk der Freidenker hervortun.