Apokalyptiker kennen die Bug-out-Bags. In ihnen findet sich Zeug, das einem das Gefühl gibt, selbst den Weltuntergang zu überleben. Reisende packen sie etwas anders. © Oriana Fenwick für DIE ZEIT

100 Milligramm Schlafsterne haben zu einer Katastrophe geführt. Schlafsterne sind rezeptfreie Schlafmittel, die niedlich klingen, aber sehr gefährlich werden können. Ich hatte den Auftrag für eine Reportage in Australien; und ich wusste, dass ich am Tag der Ankunft sofort anfangen musste. Mein Trick damals war: eine Paracetamol, einen Schlafstern. Ab 20 Stunden Flugzeit die doppelte Dosis. Paracetamol gegen die Rückenschmerzen in der Economyclass, die Schlafsterne gegen die mich umgebende Realität in Reihe 47.

Beim Zwischenstopp in Singapur ging das schief. Ich habe an Blumen geschnuppert und die Schmetterlinge im Außenbereich des Terminals beobachtet. In der Passagierbrücke, die ins nächste Flugzeug führte, bin ich mit dem Kopf an der Scheibe eingeschlafen und habe dabei meine Brieftasche verloren. Inhalt: Pass, Kreditkarten, Bargeld.

Es war die schwierigste Einreise, die ich je erlebt habe. Australien wollte mich nicht. Erst mit einem provisorischen Pass und nach unzähligen Telefonaten nach Deutschland durfte ich ins Land, ohne Geld, ohne alles. Meine Kreditkartenfirma, angeblich innerhalb einer Stunde erreichbar, ermöglichte mir eine Bargeldauszahlung – nach 24 Stunden. Fast drei Tage lang war ich aufgeschmissen. Seitdem bin ich im Besitz eines Notfallkistchens. Einer kleinen, wasserfesten Schatulle, die ich irgendwo im Gepäck verstaue.

Verschwörungstheoretiker, Untergangsfanatiker und Survival-Nerds kennen solche Dinge schon lange. Bug-out-Bags werden die Taschen für den Ernstfall genannt. In ihnen finden sich eine Kordel, Essen und anderes Zeug, das Menschen das Gefühl gibt, sie seien im Falle einer Apokalypse geschützt. Das brauchen Reisende nicht.

Ich kann aber jedem, der unterwegs ist, nur empfehlen, sich selbst eine Mini-Bug-out-Bag zusammenzustellen. Die Verpackung ist unwichtig, Hauptsache, sie ist robust. Auf den Inhalt kommt es an: Er muss mich aus jedem Land der Erde wieder nach Hause bringen. Was gehört dort hinein? Nicht viel. 1.000 Dollar, eine Ersatzkreditkarte und ein Zweitpass, wie man ihn beantragen kann, wenn man oft ins Ausland reist – ein abgelaufener tut es zur Not auch. Ich weiß, das klingt ein wenig irre: Aber glauben Sie mir, mit diesem Kistchen bewegen Sie sich selbstbewusster über den Planeten, weil Sie wissen, dass Ihnen nichts den Weg nach Hause versperren kann.

Meist ist dann noch Platz für anderes. Kontaktlinsen, ein Goldstück, das sich herunterschlucken lässt (für die wirklich paranoiden Reisenden, zu denen ich mich manchmal zähle). Und was noch wichtiger ist: In meinem Kistchen befinden sich all die Glücksbringer, die ich auf Reisen sammle. Eine chinesische Fingerfalle, ein kleiner hölzerner Büffel, den mir mal eine Ex-Freundin schenkte, ein Flummi ...

Diese Kiste wurde über die Jahre immer voller, und ich empfinde große Freude daran, hineinzugucken. Sie schafft zugleich Sicherheit und bewahrt Erinnerung, das schaffen nicht viele Reiseutensilien. Nur Schlafsterne packe ich nicht hinein. Die hatte ich früher immer dabei, aus Angst davor, im Flugzeug nicht schlafen zu können. Seit dem Singapur-Vorfall verzichte ich aber darauf.