Da wollten Sie nie hin? Jetzt sind Sie nun mal da. Vivian Alterauge nimmt Sie zwei Stunden lang an die Hand. Sie entdecken: die Klapsmühle. © Monja Gentschow für DIE ZEIT

Es gibt einen Spruch, der geht so: "Wie heißt Wanne-Eickel auf Latein? Castrop-Rauxel." Schadenfreude über die Tristesse einer ganzen Region. Fantasieren Sie schon über grau zerfressene Siedlungen, grauen Himmel, grau in grau? Keine Angst, so schlimm wird es nicht.

Sie parken am Bennertor und spazieren an der dunkelrot geklinkerten Kirche vorbei Richtung Marktplatz. Haben Sie die mindestens drei Altbauschönheiten bemerkt? Gehen Sie noch einen Schritt weiter: ins "1910", auf ein zweites Frühstück mit Croissant und Milchkaffee. Lehnen Sie sich gegen die Samtpolster, und durch die Panoramafenster präsentiert sich Castrop-Rauxel in seiner schönsten Jugendstiligkeit. Das 1910 mit seinem schmiedeeisernen Geländer und den weißen Wandpaneelen gibt es zwar nicht seit 1910, sondern erst seit 2015. Aber das juckt die Leute nicht; der Laden ist immer voll.

Wagen Sie sich jetzt in den Schatten der Innenstadt. Hinter Tchibo rechts ab, Münsterstraße. Jetzt wird’s architektonisch ungemütlicher: kastige Zweckbauten, Goldankäufer und Sanitätshäuser. Dann über die Gleise des Bahnhofs, Castrop-Rauxel Süd bloß, weit weg kämen Sie von hier nicht. Wo heute der Efes-Grill Döner verkauft, war mal ein Kino, das es leider schon lange nicht mehr gibt. Wenn Sie Unterhaltung suchen, gehen Sie zum "Trödelitätenkönig Castrop-Rauxel". Das ist der Herr Wibberg, und der Herr Wibberg verschafft Besuchern mit Gelsenkirchener Barock, Zwiebelgeschirr, Ommas Kristall und Wandtellern der Bergbaugewerkschaft eine geradezu museale Einsicht in den alten Pott. Haben Sie keine Furcht, dass das Antiquitäten-Jenga zusammenfallen könnte, wenn Sie etwas herausziehen. Dat hält. Es kann auch passieren, dass im hinteren Teil des Ladens ein Mettberg wie ein Gral auf einem der Verkaufstische thront. In dem Fall fragen Sie ruhig nach; vielleicht lässt Herr Wibberg Sie naschen.

Am Ende der Straße wartet dann der Taubenvatta, die Bronzestatue eines Mannes mit Schiebermütze, der seine Brieftaube in den Händen hält. Sie wissen doch, die Brieftaube, das Rennpferd des kleinen Mannes. Das geklinkerte, efeubewachsene Tor schräg hinter der Statue gehört übrigens zum jüdischen Friedhof, dem ältesten der Stadt. Der Schlüssel dafür liegt leider im Rathaus, das Arne Jacobsen entworfen hat – ja, der Stühle-Jacobsen! 250 Meter Lamellen aus Backstein, Dächer wie Sprungschanzen ... die Stadt traute sich was. Sie wollte hier ein Forum errichten, eine neue Mitte. Daraus ist zwar nix geworden. Aber weil das Ding so teuer war, nutzt man es nach besten Kräften. In einem Anbau namens Stadthalle feiern die Gymnasiasten ihr Abitur, Tanzschüler ihren Abschlussball. Demokratisches Design!

Weil das Rathaus zu weit ab vom Schuss liegt, bleiben Sie bodenständig. Vorbei am Friedhof und eine verbaute Klinkersiedlung hinab. Gehen Sie schnell, hier gibt es wirklich nichts zu sehen. Nach dem Busbahnhof links in die Lönsstraße und durchs Einkaufszentrum, über seine Marmorböden und die Brücke mit pinkem Fundament. Dahinter erahnen Sie bald, was jetzt kommt: Industriekultur, endlich!

Der restaurierte Förderturm der Zeche Erin (gegründet von einem Iren) sollte jetzt, am frühen Mittag, rückseitig von der Sonne beschienen werden. Ideal für ein Foto mit Gegenlicht, #industrieromantik. Sie befinden sich in einem Naherholungsgebiet, tun Sie was für Ihre Schenkel und besteigen Sie den Hügel, der neben der hübschen Zeche aufgeschüttet wurde. Oben belohnt Sie eine Sicht über die halbe Stadt, ein Stück Bochum in der Ferne, ein Stück Herne auch, rauchende Schlote und: viel Wiese am Horizont. Auch das ist Ruhrgebiet. Beten Sie ein kurzes Glückauf und dann hinab mit Ihnen. Aber schön langsam. Diesen Hang ist schon mancher Jugendliche hinuntergepurzelt, nach einem Bier-Picknick im Sommer.

Haben Sie auch Durst bekommen? Dann zurück in die Stadt, vorbei am Polizeipräsidiumskasten und scharf in die Mühlenstraße. Auf der rechten Seite erblicken Sie ein zechengraues Haus mit den wild durcheinandergeschüttelten Lettern K L A P S M Ü H L E auf einem Schild. Da gehen Sie jetzt rein. Eine gute Kneipe mit Flipper, Dart und dem Wacker-Obercastrop-Fanschal an der Wand. Hier kann man Frikos zum Frühschoppen essen und Sky gucken. In der Klapse stehen sie alle beieinander, die Malocher, die Lehrer, die Anwaltssöhne. Das kleine Pils kostet 1,30 Euro. Stellen Sie sich dazu, und quatern Sie mit – quatern kommt immer gut.