Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder will seine Partei weiblicher machen. Der Frauenanteil der CSU-Fraktion im Landtag liegt bei 21,2 Prozent. Christine Haderthauer ist die erste Frau, die je CSU-Generalsekretärin wurde, und spricht über die subtilen Mechanismen des politischen Geschäfts.

DIE ZEIT: Frau Haderthauer, am Samstag trifft sich die CSU zum Parteitag. Der neue Vorsitzende Markus Söder will die Partei erneuern – und weiblicher machen. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Christine Haderthauer: Klar, der Spruch ist zehn Jahre alt und stammt von Horst Seehofer, der bisher am meisten in dieser Richtung umgesetzt hat, unter anderem die Frauenquote für die Vorstände – gegen den Widerstand der CSU-Basis.

ZEIT: Sprechen wir zunächst über Sie persönlich: Sie sind in einem Frauenhaushalt aufgewachsen. Ihr Vater ist früh gestorben, und Sie lebten als älteste von drei Schwestern zusammen mit Ihrer Mutter. Wie war das in einem Weiberhaushalt im Bayern der Siebzigerjahre?

Haderthauer: Uns war das gar nicht bewusst, dass wir ein Frauenhaushalt waren. Wir können alles, wir sind super – das war unsere Welt.

ZEIT: Wann haben Sie gemerkt, dass die Umwelt das womöglich anders sieht?

Haderthauer: Im Studium. Ich habe früh Kinder bekommen und hatte bei der zweiten juristischen Staatsprüfung zwei Kleinkinder im Gepäck. Ein Prüfer fragte mich: Was für eine Note steuern Sie an? Ich sagte: Ich möchte in den Staatsdienst, Richterin werden. Und er sagte: Mit zwei Kindern? Da haben Sie doch etwas Besseres zu tun.

ZEIT: Und Sie dachten?

Haderthauer: Hallo?! Was für ein Dinosaurier. Ich hielt das für einen altmodischen Einzelfall. Das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, weil ich eine Frau bin, das kam erst in der Politik richtig bei mir an.

ZEIT: Wie kamen Sie in die CSU?

Haderthauer: Ich hatte nicht geplant, aktiv in die Politik zu gehen. Angesprochen hat mich die damalige Fraktionsvorsitzende in der Ingolstädter CSU, da wurden dringend Frauen gebraucht. Mir war also schon klar, dass ich nur vorne auf der Stadtratsliste gelandet bin, weil ich eine Frau war. Mit dem Landtagsmandat war es ähnlich: Die Männer der CSU Ingolstadt hatten entschieden, eine Frau zu nominieren, weil sie sich ausrechneten, bei der Frauenknappheit im Landtag damit schneller einen Kabinettsposten für die Stadt ergattern zu können. Wenn ich wie eine Quotenfrau behandelt wurde, habe ich mich darüber nicht aufgeregt. Ich dachte: Ist ja klar, die männlichen Kollegen haben sich ihre Plätze erarbeitet, und du bekommst das einfach geschenkt.

ZEIT: Dass auch nicht alle Männer ihre Posten hart erarbeitet hatten, sondern vielleicht den Sepp oder den Dings gut kannten ...

Haderthauer: Die subtilen Mechanismen des politischen Geschäfts bemerkt man erst später. Als junge Frau denkst du noch, du bist gleichberechtigt. Dass das nicht so ist, verstehst du erst später. Ich war schon immer eher burschikos. Ich hatte als Kind kurze Haare, bin in Hosen rumgelaufen und auf Bäume geklettert. Auch heute bin ich bei uns zu Hause noch der Handwerker. Als ich aber in die Politik gegangen bin, habe ich gemerkt, dass ich mit so einem Verhalten anecke. Also habe ich mich angepasst.

ZEIT: Wie haben Sie das gemacht?

Haderthauer: Ich habe mein Temperament gezügelt, habe mehr überlegt, wo ich besser die Klappe halte.

ZEIT: Sie mussten nicht lernen, sich durchzusetzen, sondern Ihre Durchsetzungsstärke zu verstecken?

Haderthauer: Genau.

ZEIT: Sind Sie sich selbst dabei fremd geworden?

Haderthauer: Als Anwältin war ich mit meiner Direktheit und der Lust am streitigen Argumentieren erfolgreich. In der Politik eckte das an. Viele Situationen in der CSU kamen mir damals vor, als ob man sich in einer fremden Welt bewegt, die auch etwas aus der Zeit gefallen war. Ich habe mich dort immer korrigiert gefühlt, vor allem durch mich selbst. Solche Probleme hat ein Markus Söder natürlich nicht. Letztlich ist es doch so: Frauen tanzen vor, Männer präsentieren sich.