ZEIT: Haben Sie darüber nachgedacht, was Sie anziehen?

Haderthauer: Ja, ich merkte schnell, dass das wichtig ist. Und mein Kleidungsstil wurde spießiger. Als ich einmal eher leger in Jeans in den Landtag kam, sagte ein Kollege zu mir: Das ist jetzt aber nicht das richtige Outfit für eine Abgeordnete der CSU.

ZEIT: Wie haben Sie reagiert?

Haderthauer: Erst mal locker, aber ich habe dann kaum mehr Jeans angezogen. Ich habe mir eben überlegt, welche Baustellen sind dir wichtig, und bei welchen Sachen sagst du dir: Kommt, Jungs, geschenkt?

ZEIT: Glauben Sie, Andrea Nahles hat auch deshalb so viele Probleme, weil sie sich ebenfalls nicht rollenkonform verhält?

Haderthauer: Absolut! Ich erlebe, wie selbst moderne Männer sich bei ihr über Sachen aufregen, die ihnen bei einem Mann nie aufstoßen würden. Oder nehmen Sie Annegret Kramp-Karrenbauer. Friedrich Merz sagt zur Unzeit, er will ins Kabinett. AKK entgegnet: Ich habe durchgezählt, da ist kein Platz frei. Und über wen regen sich die Leute auf? Über AKK! Man stelle sich das mal rollenverkehrt vor – eine Frau hätte gesagt, Jungs, macht mal Platz, ich hab zwar verloren, aber ich muss jetzt da rein.

ZEIT: Sie haben eine steile Karriere in der CSU gemacht, Sie wurden Generalsekretärin, als erste Frau in diesem Amt. Welche Dinge muss man lernen, wenn man als Frau so rasch aufsteigt?

Haderthauer: Ich musste die Währungen verstehen, die in einer männerdominierten Partei wie der CSU gelten. Und das ist – entgegen meiner anfänglichen Erwartung – eben nicht in erster Linie die Sacharbeit, sondern vor allem Präsenz, Redeanteil, Status, Seilschaften. Sieh zu, dass du dich in Sitzungen immer zu Wort meldest, möglichst zu Beginn. Du solltest eine tragende Stimme haben und nicht zu kurz reden. Ein Meister deines Fachs bist du, wenn du möglichst den Vorsitzenden zitierst, den einen oder anderen deiner Gefolgsleute lobst und dann am besten noch die Ehefrau erwähnst, die dir am Frühstückstisch dies oder das mitgegeben hat, als Beleg dafür, dass du dein Ohr am Volk hast, obwohl du eigentlich lebst wie ein Zombie und gar nicht mehr weißt, was Alltag ist. Diese Statusspielchen habe ich völlig unterschätzt. Nachdem ich in den ersten Sitzungen als Generalsekretärin nicht viel gesagt hatte, nahm mich sogar mein damaliger Parteichef Erwin Huber einmal zur Seite und sagte: Das geht so nicht.

ZEIT: Was haben Sie erwidert?

Haderthauer: Ich sagte: Das ist doch Käse, dass ich etwas sage, was schon gesagt wurde. Oder etwas, das ganz unwichtig ist. Er meinte: Darum geht’s nicht. Du musst dich melden und in jeder Sitzung etwas sagen. Da wusste ich am Anfang meiner Wortmeldung manchmal tatsächlich noch nicht, was ich am Ende sagen würde, aber es kam dann meist was Brauchbares dabei raus.

ZEIT: Sind solche Sitzungen nicht auch für Männer furchtbar langweilig?

Haderthauer: Ich hatte das Gefühl, die Frauen nervt das viel mehr. Männer haben Spaß daran. Es ist ja auch immer ein Wettbewerb. Wer bekommt mehr Applaus, wer mehr Aufmerksamkeit? Ein Schaulaufen eben!

ZEIT: Frauen sind in der CSU in solchen Sitzungen in der Regel in der Minderheit. Wie gehen die Männer damit um?

Haderthauer: Wenn eine Frau anfängt zu reden, sinkt die Konzentration der Männer. Du kannst drauf wetten, dass der Geräuschpegel im Raum immer hochgeht, wenn eine Frau an die Reihe kommt.

ZEIT: Was macht man denn dann? Bittet man um Ruhe, redet man lauter?

Haderthauer: Das kommt ganz schlecht an. Wenn Frauen das wirklich ansprechen, werfen sich die Männer Blicke zu, die Augen werden verdreht. Wenn du lauter redest, unterhalten sie sich einfach lauter. Außerdem wirkt eine Frau mit erhobener Stimme sofort anstrengend und erzeugt Ablehnung. Fakt ist: Frauen sind eben nicht systemrelevant in der CSU. Sie sitzen zwar am Tisch, aber die faktische Macht haben die Männer, und das zeigen sie auch.

ZEIT: Man kennt den schulterklopfenden Juncker, den nackenmassierenden Berlusconi, den händeschüttelnden Bill Clinton. All das sind Gesten der Dominanz. Kann man sich bei Merkel nicht vorstellen, oder?

Haderthauer: Macht ist es, diese Gesten nicht zu brauchen. Wie Angela Merkel sich bewegt oder nicht bewegt, das empfinde ich als deutlich machtvoller als so manches männliche Gockelgehabe. Sie wirkt wie ein Monolith, der ausstrahlt: Ihr bringt mich nicht aus der Ruhe.