März 2003, Caxias do Sul, tief im Süden von Brasilien. Es ist der erste Spieltag in der Série A, ich bin 19 Jahre alt und spiele für die Heimmannschaft Juventude. Im Jahr zuvor habe ich hier, rund 3000 Kilometer von meiner Heimatstadt Salvador da Bahia entfernt, meinen ersten Profivertrag unterschrieben. Dieses Spiel ist mein erstes in der Meisterschaft. Unser Gegner ist São Paulo, ein Spitzenteam, in dessen Reihen Stars wie Kaká, Julio Baptista oder Luís Fabiano stehen. Wir spielen 2:2; das Unentschieden fühlt sich an wie ein Sieg, vor allem für mich: An diesem Tag beginnt mein neues Leben. Davon habe ich geträumt, seit ich ein kleiner Junge war.

Meine Kindheit war nicht einfach. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich klein war, meine Schwester und ich sind bei meiner Mutter aufgewachsen. Wir waren arm, haben bei meinen Großeltern in einer kleinen Wohnung gelebt. Wie viele andere brasilianische Jungs habe ich mein Heil im Fußball gesucht. Ich habe auf dem Parkplatz eines Supermarktes gekickt, jeden Tag. Mein wertvollster Besitz war ein alter Fußball, den ich geschenkt bekommen hatte. Sobald ich den Ball am Fuß hatte, war ich glücklich. Ich wusste, ich wollte bis an mein Lebensende Fußball spielen! In Brasilien bedeutete Fußball für einen Jungen wie mich zudem die einzige Chance für einen sozialen Aufstieg.

Zwischen meinem 14. und 17. Lebensjahr bin ich durch das ganze Land gereist und habe Testspiele bei verschiedenen Vereinen absolviert. Eine schwierige Zeit; Brasilien ist ein großes Land, schon die Reisen waren aufwendig und für mich kaum zu bezahlen, ich habe mich zeitweise nur von Reis und Bohnen ernährt, um das Ticket finanzieren zu können. Manchmal habe ich 50 Stunden im Bus gesessen, hatte kaum etwas zu essen oder zu trinken bei mir und kam todmüde an. Doch jedes Mal wurde ich nach kurzer Zeit aussortiert und nach Hause geschickt. Es war frustrierend, aber ich habe immer an den Erfolg geglaubt.

In völlig anderer Weise bedeutend war das Halbfinale der WM 2014 in Brasilien: Es war mein erster Turniereinsatz. Ich hatte diesem Spiel entgegengefiebert, bei einer Weltmeisterschaft für die Seleção aufzulaufen ist für einen brasilianischen Fußballspieler das Allergrößte, erst recht zu Hause in Brasilien! Im Jahr davor war mir beim Confed-Cup-Spiel gegen Italien in meiner Heimatstadt Salvador nach meiner Einwechslung mein erstes Tor für die Nationalmannschaft gelungen, ein ganz besonderer Moment, meine gesamte Familie war im Stadion, einer der glücklichsten Momente meiner Karriere. Das Halbfinale sollte noch größer werden.

Es endete in einem Albtraum: Schon nach dem zweiten Tor habe ich gespürt, dass wir gar nicht auf dem Platz waren. Wir sind alle Profis, wir hätten wissen sollen, wie man mit so einer Situation umgeht, wie man sich neu ordnet, zurück ins Spiel findet. Aber wir haben nach dem ersten Gegentor einfach alles nach vorn geworfen, wurden hektisch, wir mussten ja gewinnen, unbedingt. Dann sind wir auseinandergefallen. Wir waren keine Einheit mehr, haben versucht, jeder für sich durch den Kampf zurück ins Spiel zu finden. Aber im Kopf hatten wir das Spiel zu diesem Zeitpunkt wohl schon verloren.

Sicher, der Druck war groß, wir wollten Geschichte schreiben, wollten den Titel holen, für die Menschen in Brasilien. Brasilien ist ein fußballverrücktes Land, auf uns lasteten viele Hoffnungen. Ich weiß nicht, ob es das erklärt. Meine Kinder waren bei diesem Spiel auf der Tribüne. Für sie war es auch extrem traurig. Sie haben sehr geweint, ich habe versucht, es ihnen zu erklären, gesagt, dass es mir leidtut, dass ich weiß, dass sie ihren Vater siegen sehen wollten, und dass ich bald wieder Spiele gewinnen werde, damit sie stolz auf mich sein können. Und ich habe versucht, ihnen zu erklären, dass auch das zum Leben gehört, Glück und Traurigkeit, Sieg und Niederlage, dass wir lernen müssen, auch nach einer Enttäuschung wieder glücklich zu sein.

Es gab viel Unruhe in Brasilien, die Menschen konnten nicht verstehen, wie das geschehen konnte, ihre Enttäuschung und Wut richtete sich gegen uns Spieler. Auch meine Familie hat gelitten, Nachbarn, Freunde und Kollegen, alle waren entsetzt und wütend. Nach dem Spiel bin ich mit meiner Familie in den Urlaub nach Cancun gefahren. Ich habe ein wenig Abstand gesucht, die Öffentlichkeit gemieden. Wenn es gut läuft im Fußball hat man viele Freunde, in so einer Situation gab es dann außerhalb der Familie nicht mehr viele, die mir den Rücken gestärkt haben.

Vor allem die Presse ist über uns hergefallen. Ich habe in dieser Zeit auch häufig gebetet. Für meine Familie und mich, dafür, dass wir wieder Ruhe, Glück und Frieden finden. Gott und meine Familie waren die wichtigsten Stützen für mich.

Das 7:1 gegen die deutsche Nationalmannschaft hat mich in einen Schockzustand versetzt, es waren die schlimmsten 92 Minuten meines Lebens. Ich habe mein Selbstvertrauen völlig verloren. Das hat sich auch auf meine Leistung auf dem Platz ausgewirkt, bei den Bayern verlor ich meinen Stammplatz. Dass ich damals in der Bundesliga gespielt habe, hat es nicht einfacher gemacht. Wer so eine vernichtende Niederlage erlebt hat, möchte sie am liebsten vergessen, nicht mehr darüber reden. Diejenigen, die gewonnen haben, reden natürlich gerne immer wieder darüber, auch meine damaligen Kollegen beim FC Bayern, das verstehe ich. Trotzdem war es schwierig für mich, ich habe sie eindringlich gebeten, keine Witze über das Spiel zu machen. Darüber konnte ich nicht lachen, im Gegenteil, es war sehr verletzend für mich. Aber das haben irgendwann alle verstanden, heute haben wir freundschaftlichen Kontakt.

Es hat mich fast ein Jahr gekostet, aus dem Tief wieder herauszufinden. Wenn man so ein traumatisches Erlebnis nicht abhakt, blockiert es einen dauerhaft. Ich habe mir gesagt, ich entscheide selbst darüber, wann ich aufhöre, Fußball zu spielen, niemand sonst. Das Leben geht weiter! Heute bin ich ein glücklicher Mensch. Auch weil es mir in meinem Leben immer wieder gelungen ist, aus solchen Krisen herauszufinden.