Hier kommt sie doch noch, die kleine Bilanz des vergangenen Jahres in Sachen Kino! Freudig wollen wir an Filme erinnern, die im Scheinwerferlicht von zwei der bedeutendsten Filmfestivals der Welt standen. Die Berlinale zeigte in ihrem Wettbewerb Philip Grönings dreistündigen philosophischen Exkurs Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot. Es ist eine hypnotisch gefilmte Abhandlung über ein Zwillingspaar, das seine Kindheit in einem blutigen Exzess verlängert. In Cannes lief Ulrich Köhlers leise Dystopie In My Room über einen Mann, der eines Morgens aufwacht und feststellt, dass er der einzige Mensch auf der Welt ist.

Außerdem gilt es festzuhalten: Das deutsche Kino stand im Zeichen gleich mehrerer Filme (unter anderem Gundermann und Adam und Evelyn), die von ostdeutschen Heimatgefühlen erzählen – und damit auch von der gesamtdeutschen Gegenwart. Der erfolgreichste dokumentarische Beitrag zum Thema ist Annekatrin Hendels Die Familie Brasch über die Ostberliner Politiker-, Künstler- und Intellektuellenfamilie – er läuft immer noch in ausverkauften Kinos.

Was verbindet die Filme von Gröning, Köhler und Hendel außer der Tatsache, dass sie die deutsche Filmlandschaft mit künstlerischem Wagemut beleben? Die Antwort: Sie wurden für den Deutschen Filmpreis eingereicht (Verleihung am 3. Mai) – und sie landeten nicht einmal in der Vorauswahl.

Knapp drei Millionen Euro Steuergelder werden jedes Jahr bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises vergeben. Diesmal haben Regisseure und Regisseurinnen, die aufschäumend kontrovers diskutiert wurden (Gröning), die im offiziellen Programm von Cannes liefen (Köhler), die den Nerv der Zeit und des Publikums treffen (Hendel) von vornherein keine Chance auf das Preisgeld. Und damit auf eine Subvention und große Starthilfe für ein neues Projekt.

Es ist wirklich an der Zeit, dass die Deutsche Filmakademie sich selbst und ihre Entscheidungsstrukturen verändert. Dass sie die Augen öffnet für ein Kino, ohne das sie immer eine Lobbyistentruppe für das Brave, das Naheliegende und das Mittelmäßige bleiben wird.