Vor der Bar da Dona Onça, dem wohl bekanntesten Restaurant im Zentrum von São Paulo, steht eine junge Frau mit ihrem Freund in der Schlange, neigt sich zu ihm und flüstert: "Sag mal, ist das da vorn nicht die aus der Telenovela?" Der Freund nickt. Eine Kellnerin hat der Schauspielerin ein Schildchen mit einer Wartenummer in die Hand gedrückt, ganz egalitär. Alle müssen hier warten, auch die aus den feinen Vierteln; die Schauspieler, Fußballstars, Musiker. Ein Model lehnt an einer Säule, ein aufdringlich hip gestylter Fotograf rückt ihm den Kragen zurecht. Zwei Herren im Einheitslook, schwarze Hochwasserhosen, randlose Oma-Brillen, New-Yorker - Jutebeutel, diskutieren beim Schlangestehen, ob es nun der Guardian war oder die New York Times, die dieses große, graue, geschwungene Gebäude, in dessen Erdgeschoss sich die Bar da Dona Onça befindet, das Edifício Copan, zum "coolsten Gebäude Lateinamerikas" ernannt hat.

Noch vor 15 Jahren war das Stadtzentrum rund um das Copan die gefährlichste Gegend in São Paulo – und das Copan selbst war darin ein besonders gefährlicher Ort. Heute ist der Bau so etwas wie die neue Mitte all dessen, was einen Besuch der Stadt lohnt: die Theater und Konzerthäuser, die Restaurants und Bars, die Partys, die Galerien, die Parks und sowieso der schiere Gigantismus, der einen in jeder Sekunde umgibt.

Das Gebäude, geschwungen wie ein Sinuszeichen, ist der Tilde über dem "a" in São Paulo nachempfunden. Es wurde in den Fünfzigerjahren von Oscar Niemeyer entworfen, dem berühmtesten Architekten Lateinamerikas, und ist, gemessen an der Fläche, das größte Wohnhaus der Welt. Hier leben 5.000 Menschen in knapp 1.200 Wohnungen auf 32 Etagen. Einige Apartments breiten sich über mehrere 100 Quadratmeter aus, andere haben notgedrungen Klappbetten. Auf Airbnb sind diverse Unterkünfte für Touristen in dem Haus gelistet.

Das Copan ist wie eine kleine Stadt in der Stadt. In den Arkaden im Erdgeschoss gibt es 72 Läden, Reisebüros, eine evangelikale Freikirche, zwei Galerien – außerdem beliebte Lokale wie die Bar da Dona Onça, in der von den Servietten bis zu den Fotomontagen an den Wänden alles mit kitschigen Leopardenmustern dekoriert ist. Tagsüber drängen sich zwischen den Arkaden Bewohner, Passanten und Touristen: vorbei an Emailleschildern aus den Sechzigerjahren, die anzeigen, wo man sich gerade befindet; vorbei an Dutzenden Portiers, die ihre Hausbewohner kennen und ihnen die Aufzugtüren aufhalten; vorbei an Gruppen von Angestellten aus den Bürotürmen ringsum.

São Paulo, heißt es oft, habe keinen Horizont, weil immer ein Gebäude im Weg steht. Aber das gilt nicht, wenn man sich im richtigen Stockwerk des Copan befindet: Mit etwas Glück, ohne Regen, ohne Smog und ohne Dunst, kann man von hier bis zur Hügelkette am Nordrand der 20-Millionen-Metropole sehen. Als Deutscher kommt man sich dann schnell wie ein Bauernjunge vor, fasziniert von den endlosen Ketten leuchtender Autoscheinwerfer, von den Hochhaus-Clustern, von Hunderten Helikoptern und Flugzeugen im Luftraum über der Stadt. Je nach Standort blickt man auf die achtspurige Rua da Consolação, die in den reichen Süden der Stadt führt, oder auf den Minhocão, den "Riesenwurm": eine Hochstraße, die am Wochenende für den Verkehr geschlossen wird und sich dann in São Paulos beliebteste Freizeitfläche verwandelt.

Auf dem Minhocão gehen die Einwohner São Paulos mit ihren Hunden Gassi, fahren Skateboard oder Rad. Die Brandwände der Häuser, teilweise nur Zentimeter vom Straßenrand entfernt, sind mit fassadengroßer Street-Art bemalt, an den Laternen kleben politische Botschaften und Werbezettel für Tarotlegen oder Kaffeesatzlesen. Sonntags drängen Zehntausende Menschen die Zufahrt Santa Cecilia hinunter auf den Wochenmarkt, um Zuckerrohrsaft zu trinken und Pastel de Feira zu essen, frittierte Empanadas – das Fettigste und also wohl Beste, was die Stadt zu bieten hat. Der Riesenwurm führt von der Praça Roosevelt, einem Platz gleich neben dem Copan, um den abends Teenager und Studenten mit Dosenbier sitzen, bis ins etwa zwei Kilometer entfernte Campos Elíseos, ein weiteres zentrales Viertel.

Janaina Rueda betreibt die Bar da Dona Onça. © Dado Galdieri/The New York Times/Redux/laif

Dort sind die Straßen enger als im Rest São Paulos, aber weniger dicht bebaut. Noch immer stehen hier die Villen aus dem 19. Jahrhundert, als die Stadt reich wurde mit dem Anbau und Export von Kaffee: herrschaftliche Bauten der einstigen Kaffeebarone, mehrere Stockwerke Kolonialstil, umgeben von prächtigen Gärten. Zugleich ist Campos Elíseos einer der heruntergekommensten Orte der Stadt.

Dort liegt zwar auch die Estação da Luz, ein prunkvoller ehemaliger Bahnhofsbau, umgebaut zu einem Konzerthaus mit einer der besten Akustiken der Welt, für dessen Aufführungen regelmäßig Gastdirigenten aus New York oder Tokio eingeflogen werden. Aber schon fünf Meter vom Gebäudeeingang entfernt sind Zelte und Planen aufgespannt, darunter lagern Menschen in Reihen, in graue Decken gehüllt, Hunderte, vielleicht tausend. Einige ziehen nervös an Glaskanülen, andere tauschen Cracksteinchen gegen Wechselgeld. Manche treten Dosen durch die Gegend, andere schreien wirr, wieder andere liegen gekrümmt mitten auf der Straße. Bis zu 3.000 craqueiros, Cracksüchtige, sind hier unterwegs. In Campos Elíseos hat man vor Augen, wie es vor 15 Jahren im und um das Edifício Copan zuging.