Einar Schleef war ein absolutes Scheusal und zugleich ein Genie! Ein Mensch voller Ängste – was man bei seinem gewaltigen Auftreten gar nicht für möglich gehalten hat. Ich musste ihm gegenüber immer den Theaterdirektor spielen oder habe auch mal den "Stasi-General" gegeben, wenn einer seiner weinerlichen, hysterischen, verzweifelten Überfälle auf das Theater, Klagen über Schauspieler oder die Probensituation, über die Techniker, über den Geruch mancher Mitarbeiter oder Schauspieler – oder über sich selbst – in meinem Büro stattfanden. Die Palette seiner Katastrophen war unvorstellbar, und sie passierten täglich, immer mit ultimativen Forderungen.

Wenn Schleef mir alle drei Tage mit dem Abbruch der jeweiligen Produktion drohte, habe ich gesagt: "Okay. Dann machen wir diese Scheiße eben nicht. Ich bin froh, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Gehen Sie doch zum Teufel!" Diese Verhaltensweise folgte einem Rollenklischee, das Schleef auch auf mich projizierte: Peymann, das ist der autoritäre König des Theaters. Wenn Schleef brüllte, habe ich zurückgebrüllt, manchmal lauter als er – was gar nicht so einfach war. Er war verblüfft, dass ich ihn nicht gebeten habe weiterzumachen oder kompromissbereit war, sondern zum sofortigen Gegenangriff ansetzte. Das hat ihn dann wiederum in den "Gegenangriff" geführt – und er hat weitergearbeitet. Die Inszenierung war gerettet – bis zum nächsten Krach!

Ich habe unser Rollenspiel als eine perverse Umgangsform empfunden, die aber glückliche Resultate zustande brachte. Ich kannte ähnliche Verhaltensmuster von anderen ehemaligen DDR-Theaterleuten, die geradezu aufblühten, wenn es gegen die Obrigkeit ging.

Im schlimmsten Fall ging es bei Schleef letztlich immer um Geld (das hatte er übrigens mit Thomas Bernhard gemeinsam). Seine Forderungen waren für das Burgtheater und erst recht für das Berliner Ensemble gar nicht erfüllbar.

Ich erinnere mich an die erste Vertragsverhandlung für die Wiener Burg, da hat er plötzlich gesagt: "Nein, ich komme nicht in Ihr Büro. Ich würde gerne mit Ihnen zusammen in der Donau schwimmen gehen." Er schlug mir tatsächlich vor, dass wir uns an der Donau treffen, dort, wo der Fluss so einen Knick macht, beim sogenannten "Friedhof der Namenlosen", wo also die Wasserleichen der Verzweifelten, die in Wien ins Wasser gehen und dann die Donau runtertreiben, wieder auftauchen. Just da wollte Schleef, dass wir zusammen schwimmen gehen und beim Schwimmen Vertrag und Gage besprechen. Ich habe das natürlich nicht gemacht, schon weil ich nur leidlich schwimmen kann – und Schleef war ja ein leidenschaftlicher Schwimmer!

Die Schauspielerin Margarita Broich erzählt diese verrückte Geschichte, wo Schleef nach einer Probe am BE, kurz vor Mitternacht, gesagt hat: "Jetzt treffen wir uns alle unten an der Spree und schwimmen zum Reichstag und zurück." Damals war die Spree noch ein absolut veröltes, verdrecktes Gewässer. Tatsächlich sind die meisten Schauspieler mitgeschwommen. Margarita erzählt, dass sie noch heute manchmal den Geruch der Spree auf ihrer Haut riecht. Schleef hatte ein Faible fürs Schwimmen und wollte nun also in Wien, in der Donau schwimmend, seine Gage besprechen. Gott sei Dank habe ich das abgelehnt, ich wäre vermutlich ertrunken.

Auf den Proben agierte er oft am Rande des Noch-Erlaubten. Es gab Situationen, in denen ich mich fragte, ob ich das als Direktor jetzt noch zulassen kann: diese Art von Erniedrigung, die er bei den Schauspielern – und auch anderen Mitarbeitern – auslöste. Wobei seine Fantasie, seine Energie und die Auflösung des eigenen Ichs in seiner Suche und Sehnsucht nach dem "Gral" einer Theateraufführung am Ende wieder alle überzeugten und mitrissen. Es entstand ein sonst kaum erlebter Sog, fast eine Hypnose. Diese Art von Furor kann blutige Wunden schlagen, auf allen Seiten. Die Proben waren kluge, mitreißende, faszinierende, einem alles abfordernde Anstrengungen, aber eben auch verletzende Kämpfe und Schlachten.

Beim Spielen war er immer schweißnass – das Schwitzen hatten wir übrigens gemeinsam. Wir konnten beide um die Wette schwitzen; wir waren wie Boxer. Was ich aber an ihm bewundert habe, war sein Schauspielern, ohne jedes Stottern (Schleef hatte im Alter von 16 Jahren einen schweren Unfall, der zur Folge hatte, dass er stark stotterte; Anm. d. Red.). In Frankfurt hatte er eine seiner stampfenden, heruntergeschrienen, stundenlangen Solo-Mammutveranstaltungen gerade hinter sich und saß anschließend in der Kantine, die nicht zu den schönsten architektonischen Leistungen des Frankfurter Theaters gehört. Da saß er also, klitschnass und vollständig erledigt, und die Frankfurter Schauspieler sind zu ihm gekommen und sagten mitfühlend: "Herr Schleef, Sie haben sich ja völlig verausgabt! Warum machen Sie das?" Und Schleef brüllte, mit heiserer Stimme: "Was soll ich denn sonst tun als mich völlig verausgaben? Als Schauspieler muss ich mich doch völlig verausgaben. Verausgabt ihr euch denn nicht völlig? Dann betrügt ihr doch das Publikum!" Diese Bereitschaft, sich aufzulösen, darin sind wir uns nah – auch das ist natürlich ein völliger Anachronismus. Viele der heutigen Schleef-Bewunderer und -Epigonen sind ja Imitatoren, im Verhältnis zu ihm Zwerge, sie belügen sich und andere, weil sie die eine Seite an Schleef bewundern und die andere nicht wahrhaben wollen.