Ich habe nichts gegen Eltern kleiner Kinder als solche, meine besten Freunde sind welche. Und selbst ich bin einst nicht vom Himmel gefallen.

Trotzdem gehe ich Eltern mit kleinen Kindern, kaum sehe ich sie, alarmiert aus dem Weg. Wechsle, wo möglich, die Straßenseite. Drängen sie in der Bahn in den Großraum, flüchte ich ins Abteil. Ich fürchte sie, weil sie sich aufführen wie ein Mob aus Teenies, der whatsappend, tratschend, allein mit sich befasst, in keilförmiger Formation alles um sich herum verdrängt.

Menschen mit Kindern, ob als Paar aus Frau und Mann, aus Frau und Frau, Mann und Mann, sind dem zivilen Betrieb unserer Gesellschaft im Weg. Und zwar in jeder Form ihres Vorkommens – sitzend, stehend, gehend. Vor allem aber fahrradfahrenderweise (also in gewisser Weise amphibisch, von all dem Obengenannten etwas). So kam ich, ein Stadtbewohner wie Sie, ursprünglich drauf.

Die Weihnachtszeit bringt ja nicht bloß Kinderaugen zum Leuchten, auch meine waren schon rot vom vielen Gefunkel, als ich auf der Suche nach dem Eingang zum Weihnachtsmarkt den Zusammenstößen mit schwer beladenen Spezialfahrrädern nur beinahe ausweichen konnte. Übermüdete Eltern lenkten ihre in der Kopenhagener Freidenkerkolonie Christiania zusammengeschweißten Gefährte mit einem Bug voller Kinder durch die in ihren Augen wohl nicht satisfaktionsfähige Menge auf den Bürgersteigen. Und zwar ohne Rücksicht auf Verluste – einer Kollision mit auch nur einem dieser Lastenräder inklusive der Zuladung von einem Erwachsenen, zwei bis drei Kindern plus dem Gewicht von Regenanzügen, Helmen und Pausenbrotdosen hält ein Einzelner ohne Kind und Gerät niemals stand.

Die Eltern führen sich auf wie ein Mob aus Teenies, der whatsappend, tratschend, allein mit sich befasst um sich herum alles verdrängt.

Nun guck mal, wer da rempelt. Ja, es sind Eltern, der Inbegriff von Sorge und Zuneigung, die sich rücksichtslos voranstürmend ihren Platz inmitten des Geschehens erkämpfen.

Inzwischen ist ja die sogenannte stille Zeit, die in Wirklichkeit doch für uns alle die allerhektischste ist, zum Glück vorbei. Aber der Verdrängungswettbewerb der Eltern gegen von Kindern unbegleitete Stadtbewohner hält ununterbrochen an. Es geht dabei um die Premiumplätze in den Cafés, um Zugang zu den Restaurants.

Meine eigene Zeit als Kinderbegleiter, die Elternschaft Anfang 30, liegt schon zu lange zurück, als dass ich mich noch exakt erinnern könnte. Trotzdem kommt es mir vor, als hätte sich da ein neuartiger Typus von Eltern in Vormachtstellung gebracht. Es sind späte Elternschaften, also Paare, die sich erst kurz vor dem vierzigsten Lebensjahr für das erste Kind entscheiden konnten. Wobei ja die Gynäkologen eine Frau schon beim Vollenden des 35. Lebensjahres als Risikogebärende klassifizieren. Ein paar Jahre später nur – und sowohl Frauen wie Männer sind körperlich wie psychisch nicht mehr mit der Spannkraft und Belastbarkeit gesegnet, die der jahrelange Ausnahmezustand des Kindergroßziehens nun leider erfordert.

Die Rücksichtslosigkeit im alltäglichen Miteinander lässt sich einerseits mit dem Ausagieren dieser permanenten Überforderung erklären. Dazu kommt ein überzogener Egotrip, auf dem jeder Blick in den gesellschaftsbezogenen Rückspiegel als überflüssig erscheint. Denn die Aufgabe, die Kinder gegen alle Widerstände durch das Großstadtgetriebe zu bringen, hat Priorität. Kinder verkörpern das Zukünftige.

Viel ist geredet worden von der Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Aber was ist mit der Vereinbarkeit von Familie und Freizeit?

Die späten Eltern drängen ja nicht etwa samt Nachwuchs in die Cafés und Boutiquen, weil der Nachwuchs diese Freizeitaktivitäten begehrt und einfordert, sondern weil ein mehr als dreißig Jahre im Singledasein als Großstadtbewohner ausgehärtetes Individuum seine lieb gewonnenen Freizeitaktivitäten nicht aufgeben will, bloß weil es jetzt nebenbei zu einem Erziehungsberechtigten geworden ist. Das Aufeinanderhocken der Kleinfamilie fühlt sich selbst in der herrlichsten Wohngegend noch immer so an wie Isolationshaft. Da "schmeißt", wie es im Jargon der späten Eltern heißt, man doch lieber "die Kinder zusammen" und besetzt einen von früher, aus dem freien Dasein vertrauten Raum, um sich dort mit den anderen, denen es ähnlich geht, über ebendies auszutauschen: wie es einem dabei geht.