Wenig ist für die Pariser Politik gerade so nebensächlich wie die deutsch-französische Freundschaft. Noch immer hält es über die Hälfte der Franzosen mit den Woche für Woche demonstrierenden Gelbwesten. Gerade hat Präsident Emmanuel Macron in einem Brief einen neuen Gesellschaftsvertrag vorgeschlagen, prompt wehrten ihn die Demonstranten als "Blabla" ab.

Was erst werden sie sagen, wenn der Präsident nächste Woche mit der deutschen Kanzlerin im pompösen Festsaal von Aachen einen neuen Freundschaftsvertrag aufsetzen wird? "Sind die Sorgen so groß, dass man mit den Deutschen die Reihen schließen will?", fragte eine französische Fernsehjournalistin bei der Vorstellung des Vertrages im Élysée-Palast. Es klang, als sei die Zeit stehen geblieben und der französische König suche in revolutionärer Bedrängnis Schützenhilfe bei den reaktionären Preußen.

Das alles zeugt von der Stimmung dieser Tage. Glaubt man Macrons Umfeld, so sind die Worte des Vertrages allerdings so gefasst, dass sie jahrzehntelang von Bedeutung bleiben werden.

Frankreich und Deutschland sichern sich da schließlich – per Vertrag ihrer Regierungen und Parlamente – die militärische Beistandspflicht in Krieg und Krise zu. Zwar gibt es längst entsprechende Klauseln in Nato- und EU-Verträgen, die im Kern das Gleiche besagen. Aber könnte es nicht sein, dass die deutsch-französische Freundschaft länger hält als Nato oder EU? Und ist nicht vor allem die Idee eines "deutsch-französischen Wirtschaftsraumes" etwas ganz Neues? Paris und Berlin nehmen sich ganz fest vor, ihn zu schaffen: per Steuerangleichung, beispielloser Grenzöffnung in allen Bereichen und mit einem neuen deutsch-französischen Rat der Wirtschaftsweisen, der über die Schaffung einer "gemeinsamen Wirtschaftskultur" wacht. Es klingt verlockend: der deutsch-französische Raum als vielleicht letzte realistische und noch irgendwie gemütliche Dimension im globalen Zeitalter der Digitalisierung.

Natürlich stammt das alles eher von Macron als von Angela Merkel. Er hatte vor 16 Monaten in seiner Europa-Rede vor Studenten in der Pariser Sorbonne-Universität dazu aufgerufen, den Élysée-Vertrag von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer aus dem Jahr 1963 zu erneuern. Vor 56 Jahren ging es um die Versöhnung zwischen Franzosen und Deutschen nach dem Krieg. Macron will nun zeigen, dass es ihm mit der "Neugründung Europas" ernst ist.

Bereits im Juli 2016 hatten der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder und der Pariser Ökonom Alain Minc in der ZEIT (Nr. 29/16) und der Pariser Zeitung Le Monde diese Forderung aufgestellt. "Das Erbe de Gaulles und Adenauers muss neu definiert werden", schrieben sie, "wir brauchen ein Élysée 2.0." Heute verkauft sich Minc als entscheidender Ideengeber: "Unser gemeinsamer Artikel war der Ausgangspunkt. Ich habe ihn Macron im Sommer 2017 gegeben, und die Idee hat ihn gepackt."

Französische Diplomaten waren über die Pläne ihres Präsidenten alles andere als begeistert. Sie kannten die Skepsis ihrer Berliner Kollegen. Macron hatte in der Sorbonne vorgegeben, den neuen Vertrag innerhalb weniger Monate bis zum 55. Jahrestag der Unterzeichnung am 22. Januar 2018 fertigzustellen. Die Deutschen fanden dann schnell eine Ausrede: Ihre Regierungsbildung zog sich hin. Doch sei Macrons ursprüngliches Vorhaben "auch unter Idealbedingungen unmöglich gewesen", sagen deutsche Diplomaten. Nun also der zweite Anlauf ein Jahr später: Man hätte sich "Zeit für einen ehrgeizigen Vertrag genommen", heißt es aus Paris.

Aber ist der Vertrag nun wirklich so ehrgeizig? "Die Maßnahmen bleiben hinter unseren Vorschlägen zurück", urteilt Minc, der es gern sähe, wenn beide Regierungen ständige Minister in der jeweils anderen Regierung stellen würden. Nun sollen immerhin alle drei Monate Minister der einen Seite am Kabinettstisch der anderen sitzen. Mehr hohe Beamte sollen außerdem ausgetauscht werden, "ohne Tabu", bis ins Kanzleramt und den Präsidentenpalast.

Den eigentlichen Erfolg aber sehen die deutschen Unterhändler woanders: Der "statische Élysée-Vertrag von 1963", der Institutionen wie den deutsch-französischen Ministerrat und das deutsch-französische Jugendwerk schuf, werde durch einen "lebendigen Vertrag" ergänzt. Tatsächlich wird darin nun eine deutsch-französische Regierungspraxis definiert: Paris und Berlin sollen eine ständige Projektliste führen, die sie unter einem neu geschaffenen Kontrollmechanismus abarbeiten, damit sich auch ja nichts verzögert.

Etwa das deutsch-französische Kampfflugzeug-Projekt. Das sorgte zuletzt für viel Ärger. Macron und der angehende Airbus-Chef Guillaume Faury streben eine Lockerung der deutschen Rüstungsexportkontrolle an, die Kanzlerin und Außenminister in Berlin brüsk zurückwiesen. Doch gerade für solche Fälle gilt fortan der neue Vertragsgeist: Wir gehen davon aus, anderer Meinung zu sein, aber dass am Ende ein Kompromiss möglich ist und das Deutsch-Französische vorgeht. So will es jedenfalls Paris. Auch wenn draußen die Gelbwesten demonstrieren und das Land vor Überraschungen nicht sicher ist – oder gerade deshalb.