Meine Freundin und ich sind seit zwei Jahren ein Paar, wir wohnen aber nicht zusammen. Wenn wir mal den letzten Zug nach Hause verpassen, übernachte ich auf ihrer Schlafcouch oder sie in meinem Gästebett. Manchmal, wenn etwa auf dem Sofa noch Bügelwäsche liegt, teilen wir uns auch ein Bett – und halten dann keinen "Sicherheitsabstand" ein, sondern küssen und streicheln uns. So ein Kuss kann auch mal intensiver sein, aber weiter gehen wir nicht.

Kein Sex vor der Ehe – die Entscheidung haben wir gemeinsam getroffen. Wir kennen uns aus der Kirche, ihre Sommersprossen und ihr süßes Gesicht waren mir während der Messe sofort aufgefallen. Schon bevor wir ein Paar wurden, diskutierten wir über Glauben und Enthaltsamkeit. "Sexualität möchte ich mit nur einem Menschen teilen, in einem sicheren und liebevollen Umfeld", hat sie gesagt. Darin waren wir uns einig, wir mussten das nicht erst aushandeln.

Zu Hause wurde ich nicht ausdrücklich zur Enthaltsamkeit erzogen. Ich bin ganz normal katholisch aufgewachsen. Im Wohnzimmer meiner Eltern hängt ein Kruzifix, und wenn sie es schaffen, gehen sie sonntags in die Kirche. Zu meiner Überzeugung kam ich erst während des Studiums. Da hatte ich anfangs noch Beziehungen, über die ich dachte: Na ja, das hält jetzt ein paar Jahre. Trotzdem hatten wir Sex. Das Belanglose hat bei mir Leere und Schmerz hinterlassen. Denn Sexualität ist für mich das Schönste, Intimste, Vertrauensvollste, was ich mit einem Menschen teilen kann.

Diesmal möchte ich es anders machen. Ich habe diese Entscheidung aber nicht feierlich verkündet oder mir einen Keuschheitsring angelegt, wie das in manchen Freikirchen geschieht. Ich betrachte mich auch nicht als lustfeindlich. Es ist ja gut, dass es Lust und Sex gibt: Sie vertiefen eine Beziehung und dienen der Fortpflanzung.

Ich glaube, unsere Beziehung ist stabiler als eine, in der Sex auch als Problemlöser eingesetzt wird. Wenn wir doch vor einer möglichen Hochzeit miteinander schlafen würden, wenn wir also in einem Moment der Schwäche unsere Überzeugung nicht verteidigen könnten, müssten wir uns fragen, wo in unserer Beziehung das noch so ist. Ich muss jedenfalls nichts niederkämpfen, masturbiere nicht und schaue keine Pornos.

Ich gehe davon aus, dass unser erster Sex super wird. Und selbst wenn nicht – dann hätten wir noch das ganze Leben Zeit, um ihn super werden zu lassen.

Wenn Sie in unserer Rubrik berichten möchten, "Wie es wirklich ist", melden Sie sich bei uns: wirklich@zeit.de