Übergewicht belastet das Herz, die Gelenke – und die Umwelt. Denn wer zu viel wiegt, hat wahrscheinlich vorher zu viel gegessen. Die Überproduktion von Lebensmitteln hinterlässt Spuren. Der intensive Ackerbau schädigt die Böden, in der Ostsee haben sich durch Überdüngung sauerstoffarme Zonen gebildet, in denen es kaum noch Leben gibt. Die Nutztierdichte erreicht auf manch heimischem Landstrich weltweites Rekordniveau. Für den Einzelnen wäre es eine der einfachsten Möglichkeiten, die Umwelt zu schonen: nicht immer so viel essen. Aber derzeit sind 62 Prozent der Männer und 44 Prozent der Frauen übergewichtig.

Das ist wahrscheinlich auch der weitverbreiteten Annahme geschuldet, dass Genuss Überfluss bedeutet. Aber ist es wirklich so sinnlich und lustvoll, mehr zu essen, als man Hunger hat? Und zwar ständig? Nicht jede Beschränkung ist eine Beschränkung von Freiheit. Gerade beim Essen. Das kann jeder ganz leicht selbst überprüfen, denn jeder isst. Ein Kuchen schmeckt bekanntlich gerade dann herrlich, wenn man ihn zu etwas Besonderem macht. Und es ist schön, sich auf den Rinderbraten als etwas Seltenes, Luxuriöses zu freuen, statt ihn zu einer täglichen Knackwurst herabzuwürdigen.

Um den übergroßen Appetit zu zügeln, könnte die Politik entsprechend Einfluss auf die Produktionsbedingungen von Lebensmitteln nehmen. Das, was wir Normalität nennen, also die Überfülle von Essen, ist ja die Folge von politischer Steuerung. Korrekturen sind längst überfällig. Kleines Beispiel: Die Produktion von Masse wird gefördert, weil Futtermittel, wie sie bei der industriellen Tierhaltung zum Einsatz kommen, von Einfuhrzöllen befreit wurden. Größeres Beispiel: Auch die EU-Agrarsubventionen in Milliardenhöhe belohnen die Produktion schierer Menge, nicht die Qualität.

Man wird hierzulande von Kalorien regelrecht verfolgt. Dagegen bleibt der Selbstappell das wirkungsvollste Mittel. Es ist nicht leicht, aber nicht unmöglich und manchmal der höchste Genuss, zu sagen: Nein, danke.

Die Autorin schreibt im ZEITmagazin die wöchentliche Rezeptkolumne "Wochenmarkt".