DIE ZEIT: Der Erste Weltkrieg, hofften die Zeitgenossen, werde der Krieg sein, der alle Kriege beendet, the war to end all wars. Nachdem in Paris Frieden geschlossen worden war, spottete mancher, nun habe man einen Frieden, der allen Frieden beende, a peace to end all peace. Ist da etwas dran?

Jörn Leonhard: Natürlich bargen die Friedensschlüsse von Paris 1919 neue Konflikte und befeuerten alten Hass. Zu glauben, dass es möglich sei, innerhalb eines Jahres einen Frieden zu schließen, der einen Weltkrieg beendet und alle Parteien zufrieden hinterlässt, ist eine Illusion.

ZEIT: Weshalb?

Jörn Leonhard ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Freiburg. Kürzlich erschien sein Buch "Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt" (C. H. Beck, 1.531 S.). © Ekko von Schwichow

Leonhard: Weil alle nach einem Frieden strebten, der den ungeheuren Opfern des Krieges gerecht werden sollte. Jedes Zugeständnis erschien da als Verrat an den Toten. Aber wir überfordern Friedensschlüsse generell, wenn wir erwarten, dass sie bereits Versöhnung stiften. Eine politische und militärische Stabilisierung können sie erreichen, Versöhnung ist ein Prozess, der Jahrzehnte dauern kann. Hinzu kamen 1919 die enormen Interessengegensätze zwischen den Siegern. Die USA hatten durch den Krieg eine globale Machtstellung errungen, US-Präsident Woodrow Wilson konzentrierte sich daher auf die internationale Architektur – den Aufbau des Völkerbunds als Organisation demokratischer Staaten. Frankreich hatte den Krieg im eigenen Land erlebt, große Verluste erlitten und wollte sich gegen jede weitere Aggression absichern; Großbritannien folgte seiner imperialen Logik. Aus dieser Gemengelage erwuchsen komplizierte Kompromisse.

ZEIT: Die Deutschen durften diese Kompromisse nur annehmen oder ablehnen, verhandelt wurde mit ihnen nicht. Haben die Alliierten dadurch die Chance auf einen Frieden vertan, der auf mehr Akzeptanz gestoßen wäre?

Leonhard: Zumindest hätte man so dem Vertrag etwas von seinem Diktat-Charakter nehmen können. Ob es genutzt hätte, bleibt zweifelhaft. Denn einen Frieden auf der Grundlage von Wilsons 14-Punkte-Plan vom Januar 1918 ohne Kontributionen und Reparationen hätte es wohl auch dann nicht gegeben. Dazu waren unter anderem die Kriegsverheerungen in Frankreich viel zu groß.

ZEIT: Warum entschieden sich die Alliierten gegen Verhandlungen mit den Deutschen?

Leonhard: Die Konferenz begann im Januar 1919 als Vorfriedenskonferenz, und in den folgenden Wochen brauchten die Alliierten extrem lange, um ihre Konflikte zu lösen. Im Februar reiste Wilson für vier Wochen in die USA, um dort für den Völkerbund zu werben. Als er im März zurückkam, stand die Konferenz bereits unter erheblichem Zeitdruck, nicht zuletzt angesichts der wahrgenommenen Bedrohung durch die Bolschewiki, die im Oktober 1917 in Russland die Macht ergriffen hatten. So wurde die Vorkonferenz immer mehr zu einer Definitivkonferenz – das schloss Verhandlungen mit den Deutschen am Ende aus.

ZEIT: Fürchtete man ein Scheitern?

Leonhard: Die Konferenz stand mehrfach kurz davor. Etwa als man sich mit Italien nicht über den Status des Freistaats Fiume einigen konnte. Dann der Streit zwischen Japan und China um das einstige deutsche Pachtgebiet Tsingtao. Und schließlich die Debatte um Frankreichs Ansprüche auf das Rheinland, die mit der Frage der künftigen Westgrenze Polens und dem Status von Danzig verknüpft war. In allen Fällen zog man problematische Kompromisse einem Abbruch der Gespräche und einem Wiederaufflammen des Krieges vor. Die Spielräume waren entsprechend klein.