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Recep Tayyip Erdoğan verkündete 2012, als er noch Premier war, in einer Rede vor der Parteijugend sein Endziel: "Wir ziehen eine fromme Generation heran."

Diskussionen konterte er mit: "Niemand kann von uns erwarten, eine atheistische Generation heranzuziehen." Seinen Traum umriss er als "eine für ihre Religion, ihre Sprache, ihre Wissenschaft, ihre Ehre, ihre Familie, ihren Hass und ihr Herz engagierte Jugend". Im Gedächtnis blieb davon vor allem das Wort Hass.

Sieben Jahre ist das her. Kürzlich nahm das Demoskopieunternehmen Konda in seiner Studie "Was sich in zehn Jahren verändert hat" auch die Religiosität unter die Lupe und kam zu einem erstaunlichen Ergebnis: In der Türkei nimmt die Frömmigkeit ab.

Und das trotz des Ziels, eine "fromme Generation" heranzuziehen. Und trotz des religionsfanatischen Drucks auf die Gesellschaft.

Trotz immer mehr Religionsunterrichts zuungunsten des Laizismus, trotz eines mit dem Koran auftretenden Staatspräsidenten und obgleich strenger Konservatismus die Gesellschaft im Griff hat, verliert die Frömmigkeit – vor allem bei der Jugend – allmählich an Boden.

Der Studie zufolge sank die Quote derer, die sich als religiös bezeichnen, in den letzten zehn Jahren von 55 auf 51 Prozent, strenggläubig nennen sich heute nur noch 10 im Gegensatz zu damals 13 Prozent.

Stärker noch überraschte der Anstieg der bis heute als Kriminelle behandelten Atheisten. In der Ära der AKP-Regierung verdreifachte sich die Anzahl jener, die sich als Atheisten bezeichnen, auf drei Prozent. Die Anzahl der Frauen, die das zum Symbol des politischen Islams gewordene "Türban"-Kopftuch tragen, sank von 13 auf 9 Prozent, in die Moschee gehen heute etwas mehr Leute, aber nur noch 65 Prozent fasten, damals waren es 77 Prozent. Der Widerspruch der letzten beiden Angaben rührt vermutlich daher, dass es sozial und ökonomisch noch immer etwas bringt, beim Gebet in der Moschee gesehen zu werden.

Es sei daran erinnert, dass es nicht einfach ist, die Frage "Sind Sie fromm?" zu verneinen. Das würde Sie in den Augen der Regierung verdächtig machen und ein echtes Risiko darstellen. Auch unter diesem Aspekt sind die Antworten zu sehen.

Experten werten die Daten als Replik einer Jugend, die trotz des AKP-Vorhabens, eine "fromme Generation" heranzuziehen, offen für das moderne Leben ist. Diese Gegenwirkung zeigt sich selbst an der konservativen Basis. Der sich allseits in der islamischen Welt, besonders im Iran, gegen religionsfanatischen Zwang regende Widerstand tritt auch in der Türkei zutage. Vor allem junge Leute, die mit den Neuerungen der Zeit vertraut sind, wehren sich dagegen, in Stereotype gepresst zu werden.

In der Türkei durchläuft der Laizismus seine schwierigste Prüfung. Er ist lädiert, aber nach wie vor lebendig. Steigt der Druck der Religion, werden sein Wert, seine Notwendigkeit nur umso deutlicher.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe