Nach knapp zwei Stunden spricht einer den heiklen Punkt an: "Wir müssen uns eine Struktur geben, uns organisieren." Eine Zweite wagt sich aus der Deckung: "Dass wir keine typische Partei sein wollen, bedeutet ja nicht, dass wir keine Politik machen." Einen beträchtlichen Teil des Abends schon haben mehr als 50 Leute in dem viel zu kleinen Nebenzimmer eines Cafés außerhalb von Paris wild durcheinanderdiskutiert, als die entscheidende Frage aufgeworfen wird: Wie können die Gilets Jaunes, die Gelbwesten, jemals ihren Forderungen an Präsident und Regierung wirklich Nachdruck verleihen, wenn sie eine formlose Bewegung bleiben und sich nicht auf feste Strukturen einlassen wollen?

Nach zwei Monaten des Straßenprotests, der einige Zugeständnisse, aber kaum nachhaltige Änderungen erwirkt hat, ringen die Unzufriedenen in den gelben Warnwesten mit sich. Jede Richtungsentscheidung birgt Risiken für sie. Abseits der von Gewalt begleiteten Proteste treffen sich viele Gilets Jaunes bereits von Beginn an jede Woche zu sogenannten Generalversammlungen, in Hinterzimmern von Cafés und Bistros, in alternativen Buchläden – wo immer sie Unterschlupf finden. Der Begriff "Generalversammlung" erinnert nicht zufällig an die assemblées primaires, die den "Generalständen" von 1789 vorausgingen, jener nationalen Versammlung, mit der die Französische Revolution begann. Die Gelbwesten wollen den Bruch mit dem System. In Montreuil, im Osten von Paris, nennen sie sich sogar "Club" – wie seinerzeit der Club der Jakobiner.

Eine Handvoll Gilets Jaunes verlangt derzeit nach Strukturen, die denen einer Partei zumindest ähneln und die womöglich bereits den Weg zu einer Teilnahme an den Europawahlen im Mai ebnen könnten. Gilets Jaunes der ersten Stunde wie Hayk Shahinyan in Marseille, Jacline Mouraud in der Bretagne oder Ingrid Levavasseur in der Normandie wollen die politischen Erfolge ehemaliger Protestbewegungen wie Podemos in Spanien und Cinque Stelle in Italien wiederholen.

Mehrere Umfragen zu den Europawahlen sehen derzeit die rechte Rassemblement National, ehemals Front National, von Marine Le Pen mit 24 Prozent auf Platz eins – deutlich vor Emmanuel Macrons Partei La République en Marche, die derzeit nur auf 18 bis 19 Prozent käme. Die Gilets Jaunes könnten laut Prognosen mit rund 10 Prozent rechnen.

Bislang aber werden einzelne Gelbwesten aus den eigenen Reihen beschimpft, sobald sie auch nur Überlegungen zu einer möglichen Wahlliste anstellen. Nach Jacline Mourauds Ankündigung, eine Partei gründen zu wollen, wurde ihr Porträtfoto auf einer der zahlreichen konkurrierenden Websites der Bewegung mit verklebtem Mund gepostet. "Diese Frau spricht nicht für die Gilets Jaunes", hieß es dazu.

Ein Wechsel der Gilets Jaunes in die Politik käme Emmanuel Macron wahrscheinlich sogar zugute. Eine gelbe Liste würde Le Pens RN und Jean-Luc Mélenchons Linkspartei La France Insoumise (Das unbeugsame Frankreich) Stimmen streitig machen. Zumal Macron nach Wochen der Krise alles andere als verzagt ist. Die "große nationale Debatte", eine Art Tournee durchs ganze Land, um Sorgen und Wünsche der Bürger zu sammeln, startete am Dienstag in der Normandie. Macron wirkte gelöst – als sei er wieder in seinem Element: dem Wahlkampf.