DIE ZEIT: Herr Bohmeyer, seit 2014 verlosen Sie immer wieder Geld an Wildfremde: ein Jahr lang 1.000 Euro im Monat, ganz ohne Bedingungen. Sind Sie des Wahnsinns?

Michael Bohmeyer: Am Anfang wirkte das wahrscheinlich noch so, weil das bedingungslose Grundeinkommen noch eine Nischenidee war. Da hieß es: Der Berliner Spinner verschenkt Geld, warum tut er das? Und so hat es sich auch angefühlt. Mittlerweile machen mehr als eine Million Menschen bei uns mit, und die Idee des Grundeinkommens hat einen rasanten Aufstieg hingelegt. Wir sammeln das Geld ja per Crowdfunding ein und haben damit schon über 250 Menschen das Grundeinkommen ermöglicht. Wir stellen fest: Das ist gar nicht so verrückt.

ZEIT: Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Bohmeyer: Ich habe zeitweise selbst eine Art Grundeinkommen erhalten. Ich hatte ein Unternehmen gegründet, das recht erfolgreich ist, ein Online-Versender für Schilder. Ende 2013 bin ich dort als Geschäftsführer ausgestiegen, bekomme aber weiterhin Gewinnausschüttungen, das waren bei mir im Jahr 2014 auf den Monat gerechnet knapp tausend Euro. Geld zu haben, ohne etwas dafür tun zu müssen – das war eine lebensverändernde Erfahrung.

ZEIT: Warum?

Bohmeyer: Weil ich vorher getrieben und gehetzt war. Das Hamsterrad, in dem ich steckte, hab ich erst erkannt, als ich da raus war. Ich fand es unheimlich schwer, nichts zu machen. Aber ich bin dann kreativer geworden, auch mutiger. Und ich habe mich gefragt: Wenn mich das so verändert, würde es anderen wohl genauso gehen?

ZEIT: Aus den Erfahrungen der Gewinner Ihres Projekts haben Sie ein Buch gemacht. Was haben Sie erfahren?

Einer wollte das Geld zurückgeben

Bohmeyer: Die Leute geben das Geld für unterschiedliche Dinge aus. Aber alle berichten, dass sie besser schlafen. Sie leben gesünder. Viele stellen ihren Job infrage, aber die wenigsten kündigen.

ZEIT: Das ist in Ihrem Modell auch riskant, weil man Ihr Grundeinkommen nur ein Jahr lang bekommt.

Bohmeyer: Das stimmt. Aber eine Frau, die prekär beschäftigt war, hat sofort gekündigt. Sie hatte den stolzesten Moment ihres Lebens. Mehrere Frauen haben die Ehe zu ihrem Mann infrage gestellt. Bei einer waren sogar schon die Scheidungspapiere beim Anwalt. Das war der erste große Moment, den eigentlich alle hatten: Sie erlebten Freiheit von etwas. Aber danach tauchte bei fast allen ein weiterer Gedanke auf: Freiheit bedeutet auch, entscheiden zu müssen, was man damit anstellt. In der zweiten Phase entdeckten sie die Freiheit zu etwas. Das war schwieriger. Ein Teilnehmer wollte in der Phase sogar das Geld an uns zurückgeben, weil er es nicht aushielt.

ZEIT: Haben Sie es zurückgenommen?

Bohmeyer: Nein, wir haben uns dagegen entschieden.

ZEIT: Wieso war das schwierig für ihn?

Bohmeyer: Wenn Geld bedingungslos kommt, dann muss man Eigenverantwortung entwickeln. Es ist eine andere Haltung, einem Kind fünf Euro zu geben und zu sagen: "Mach damit, was du willst!", als wenn man sagt: "Da, kauf dir ein Eis!"

Bedingungsloses Grundeinkommen - 1.000 Euro im Monat, einfach so Ein Berliner Start-up verlost Grundeinkommen auf Zeit. Schon 85 Menschen haben gewonnen, das Konzept bleibt umstritten. © Foto: Mein Grundeinkommen e.V.