Selten hat man ein solches Entsetzen in der deutschen Literaturkritik erlebt wie in den vergangenen Tagen angesichts des Romans Stella von Takis Würger. Wie lässt sich diese Reaktion erklären? Das Buch über die jüdische Judenjägerin Stella Goldschlag im Deutschland des Jahres 1942 rührt an einen ästhetischen Grundnerv des 20. Jahrhunderts, der bis in unsere Gegenwart reicht: Wie kann man vom Grauen des Nationalsozialismus, vom Holocaust erzählen? Wie kann man aus den moralischen Abgründen jener Epoche Kunst schaffen?

Die Erwartungen sind also hoch, wenn man sich, wie der Spiegel-Redakteur Takis Würger, dieser Epoche erzählerisch widmet. Vor allem wenn ein solcher Roman als Spitzentitel im renommierten Hanser Verlag in München erscheint – neben Suhrkamp die edelste Adresse für deutsche und internationale Literatur, mit diversen Nobelpreisträgern eine kulturelle Instanz. Wenn dort, wo Primo Levi und W. G. Sebald erschienen, ein Buch mit NS-Thematik die literarische Latte derart reißt, ist das ein gravierendes Problem – und zwar auch für den Verleger Jo Lendle, der das Buch gemeinsam mit dem Lektor Florian Kessler betreute. Was ist da in München passiert?

Würger, von der Literaturagentin Karin Graf vertreten, hatte 2017 mit seinem ersten Roman Der Club beim kleinen Schweizer Verlag Kein & Aber einen beachtlichen Debüterfolg erzielt, mit wohlwollenden Kritiken und mehr als 70.000 verkauften Hardcover-Exemplaren. Mit seinem zweiten Roman Stella wechselte er zu Hanser. Über die gezahlten Vorschüsse wird wie üblich nicht geredet. Die kolportierte Summe von 150.000 Euro inklusive Auslands-, Taschenbuch- und Filmrechten wäre viel Geld für normale Schriftsteller, allerdings für einen in der Branche derart gut vernetzten Autor mit einer starken Medienpräsenz nicht komplett außergewöhnlich – zumal bei solch brisantem Stoff. Florian Kessler beschreibt den Vorschuss auf Facebook als "äußerst moderat und angemessen" und daher schon "längst ausverdient". Die Bild-Zeitung brachte einen großen Vorab-Bericht, was Hanser-Büchern ansonsten kaum passiert. Kurzum, die Sache lief – bis zu den ersten Verrissen, die den Lektor zu erregten Stellungnahmen auf Facebook veranlassten, samt Angriffen auf Kritiker, die er anschließend bereute.

Der Verleger Jo Lendle © Basso Cannarsa / Opale / Leemage / ddp

Mit Argusaugen wird seit dem Verlegerwechsel 2014 von Michael Krüger zu Jo Lendle beobachtet, was bei Hanser passiert. Das mag manchmal manisch sein, aber traf zuvor auch Suhrkamp und zuletzt Rowohlt, als dort die Verlagsleitung wechselte. Etablierte Hanser-Autoren verließen den Verlag (Ilija Trojanow, Thomas Glavinic, Botho Strauß, Martin Mosebach), dafür kamen junge Debütanten wie Theresia Enzensberger, Fatma Aydemir oder Anja Kampmann. Zuletzt verließen zwei weitere wichtige Autorinnen den Verlag: Nora Bossong und Sibylle Berg. Wenn in dieser Lage Hanser ausgerechnet auf ein Buch wie Stella als literarischen Spitzentitel setzt, dann wirkt das wie ein Downgrading-Signal des Verlags. Das mag ungerecht sein, schließlich hatte man vor einem Jahr Arno Geigers hochgelobten Roman Drachenwand mit NS-Thematik im Programm. Und man darf nicht vergessen, dass der Verlag unter dem neuen Chef 2014 beschloss, den umstrittenen Roman Interessengebiet des britischen Hanser-Autors Martin Amis über eine SS-Liebesgeschichte in Auschwitz nicht zu publizieren. Derart skrupulöse Bedenken hatte man in München jetzt nicht mehr.

Die Kritik traf auch Daniel Kehlmann, den der Verlag für einen sogenannten Blurb, einen Werbespruch, für Stella gewann: "Man beginnt dieses Buch mit Skepsis, man liest es mit Spannung und Erschrecken, man beendet es mit Bewunderung." Wie sieht er diesen Satz heute? Er stehe nach wie vor zu seiner Werbung: "Für mich war die wahre Geschichte der Stella Goldschlag völlig neu, ich wusste von ihr bis dahin nichts, mag sein, dass das meine Wahrnehmung stärker geprägt hat als die der jetzigen Leser, die die historische Stella ja schon aus den Rezensionen kennen: Ich war wirklich überrascht von dieser Geschichte. Natürlich kann man das Buch nicht mit den Meisterwerken von Sebald oder Kertész vergleichen, aber es ist auch nicht verdammenswert, weder ästhetisch noch moralisch." Würger könne wirklich schreiben, er sei "eine Naturbegabung, ein sehr guter Schriftsteller". Kehlmann zieht Parallelen zur Diskussion über die Holocaust-Filme von Lanzmann und Spielberg: "Auch wenn es ums Erzählen vom 'Dritten Reich' geht, gibt es letztlich unterschiedliche Sprachebenen und Zugänge."

Ähnlich sieht das natürlich Lendle: "Ich verstehe die Empfindlichkeit, ich kenne sie selber aus Lektüren von Büchern, beim Betrachten von Filmen, auf die ich empfindlich reagiere. Aber ich stehe dazu, dass man eine solche Geschichte auch fesselnd erzählen darf." Immerhin hätten viele ausländische Verlage wie Gallimard in Frankreich und Feltrinelli in Italien die Übersetzungsrechte gekauft. Er sieht einen Wandel: "Für uns Nachgeborene war die NS-Zeit immer Teil unserer Gegenwart. Für jüngere Menschen wird das Geschehen historischer, damit verändern sich auch Fragen von Darstellung, Fiktionalisierung und Rezeption. Die dahinterstehenden Fragen nach Schuld, nach Moral, nach Entscheidungen bleiben die gleichen." Das sehen die Kritiker des Buches allerdings keineswegs anders, doch gerade sie stammen zumeist aus dieser jüngeren Generation, zu der auch Würger gehört.

Wie soll Literatur die NS-Vergangenheit verarbeiten? Diese Frage stellt sich erneut anhand von Takis Würgers neuem Roman. © Hanser Verlag

Wie sehr etwas grundsätzlich schiefgegangen ist bei diesem Hanser-Roman, das ahnt man bereits beim Betrachten des Werbe-Videos, das der Verlag für Würgers Buch produzierte. Dieser zweiminütige "Making-of"-Film auf YouTube zeigt Szenen von fröhlicher Aufgekratztheit und Lässigkeit – was schon erstaunt angesichts des abgründigen Buchstoffes. Und der sympathisch jungenhaft wirkende 33-jährige Autor erklärt wohl einer Runde von Verlagsmitarbeitern das Anliegen, das er mit seinem Buch verfolgt. Die damalige Zeit sei eine "Zeit der Verlierer" gewesen: "Das ist für mich das Entscheidende an dieser Stella: Alle verlieren." Ob Stella oder der SS-Mann Tristan: "Es gab einfach keine Gewinner. Wenn man Menschen ermordet, verliert man."

Keine Gewinner, Zeit der Verlierer? Vielleicht wurzelt in solchen leichtfertigen Formulierungen das tiefe Problem des Buches, zumal wenn sie von einem angesehenen, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Journalisten stammen, der ein Jahr lang am St. John’s College der Universität Cambridge Ideengeschichte studiert hat. Denn dieses vorschnelle "Alle verlieren" macht in der moralischen Nacht des Jahres 1942 unweigerlich alle Katzen grau – dabei konnte das Verlieren zum Beispiel für Anne Frank und für Heinrich Himmler ziemlich unterschiedlich aussehen.