Für die Historiker der fernen Zukunft wird das Frühjahr 2019 einen besonderen Datierungspunkt bereithalten. Gut erhalten in den Schichten der Gesetzgebung, werden einst die Aktenarchäologen eine Leerstelle finden, die ihre Zunft lange rätseln lassen dürfte: Warum ist damals auf das 12. Sozialgesetzbuch anstelle des 13. gleich das 14. gefolgt?

Was jene Wissenschaftler, die dann aus fernen Jahrhunderten auf unsere Zeit zurückblicken, so irritieren wird, ist nicht etwa die Lücke an sich. Historiker sind da ja Kummer gewohnt, Archäologen erst recht und Bibliothekare sowieso. Aber in diesem speziellen Fall ...

Die deutsche Republik des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts: Just dieser Zeitabschnitt in just dieser Weltecke wird den künftigen Geschichtsforschern sonst eigentlich der liebste sein. Der Schriftverkehr! Das Bundesgesetzblatt! Und trotz einsetzender Digitalisierung noch alles so schön auf Papier! (Letztgenanntes wird rückblickend Gold wert sein, nach dem Verlust digitaler Daten infolge eines Vorfalls mit löschsüchtigen künstlichen Intelligenzen und der darauffolgenden temporären Abschaltung des Internets.)

Erst nach langer Archivrecherche wird eine junge Gesetzgebungshistorikerin konstatieren: Hier ist ja gar nichts verloren gegangen, das 13. wurde absichtlich ausgelassen! Das dürfte genügen, um in der fernen Zukunft einen Historikerstreit auszulösen. Unmöglich! Unglaublich! In der Epoche der Leitz-Ordner, des größten Ministerialapparats der Menschheitsgeschichte und der siebenstufigen Unterkapitelgliederungen – eine Ordnungszahl ausgelassen?

Doch der Beleg der Forscherin wird schlagend sein: Der damals verantwortliche Bundessozialminister Hubertus Heil (SPD) habe im Interview eingeräumt, "auf Empfindungen Rücksicht" nehmen zu wollen. Aus "Sensibilität" gegenüber Menschen, die die 13 fürchteten. Rücksicht auf Aberglauben also.

Triskaidekaphobie, die abergläubische Angst vor der Zahl Dreizehn, ist natürlich keine politische Kategorie. Und nicht alles, wofür ein Lehnwort aus dem Altgriechischen existiert, muss man ernst nehmen. Das wird man in der fernen Zukunft wissen, und man wird auch wissen, dass die Menschen des 21. Jahrhunderts es gewusst haben. Im Prinzip. Der spezielle Fall wird deshalb einst als endzeitliches Verfallssymptom der sogenannten Sozialdemokratie (ja, den Begriff werden selbst künftige Akademiker womöglich erst einmal googeln müssen) interpretiert werden. Im 20. Jahrhundert stand er für gleichen Zugang zu Bildung für alle, die Hochschulexpansion, Aufklärung – im Jahr 2019 für eine Partei, die sich scheute, die Esoterik Einzelner durch eine fortlaufende Nummerierung zu verletzen.

Was werden die Historiker einst noch entdecken? Dass Freitag der 13. aus dem Kalender gestrichen wurde (oder gleich alle Freitage)? Dass die Schulzeit von 13 auf 14 Jahre verlängert wurde und man Friedrich II. aus dem 13. in das 14. Jahrhundert umdatierte? Es gäbe da noch reichlich Unvierzehnliches, Unverzeihliches.