Ein Windwesen möchte zum Menschen werden, mit verwehender Stimme fleht es den Schöpfer der Welt an, ihm einen Körper zu schenken. Es möchte Gestalt annehmen, es möchte den Äther verlassen und das Gefängnis der Nichtexistenz; der Grund dafür ist natürlich: die Liebe. "I will assume form, I will leave the ether", singt James Blake im ersten Stück seines neuen Albums Assume Form"I will be touchable, I will be reachable". Er singt das mit seiner hohen, leicht knabenhaft wirkenden Stimme zu einer zunächst sehr schlichten Klavierfigur; doch je kräftiger er seine Wünsche beschwört, desto zittriger verschwindet die Stimme in schwellenden Bässen und pulsierenden Sounds.

An seinem Höhepunkt scheint der Song selbst formlos zu werden, wie eine Wolke, die ihre Gestalt unaufhörlich verändert. Der Rhythmus, der einzig noch alles zusammenhält, klingt wie das Ticken einer alten Uhr. Alles wird und verändert sich, die Zeit läuft vorwärts und rückwärts zugleich, Windwesen fahren in Körper hinein und verlassen sie wieder. Assume Form ist das vierte Album von James Blake, es ist ein zartes Werk, voller Songs, die ihre Gestalt in jedem Moment wieder neu zu ertasten scheinen: Wie wollen wir klingen? Wo wollen wir hin? Geht es nach dieser Pause noch weiter? Oft scheint die Musik auch zum Stillstand zu kommen; nicht selten ergreift einen beim Hören die Sorge, dass alles gleich wie ein Trugbild sich auflösen wird, all die getupften Klänge und geknittelten Rhythmen und vor allem: all die Melodien, die aus dem musikalischen Schweben erblühen. Denn trotz der Zaghaftigkeit hat die Musik hier melodische Kraft wie noch nie. Man höre nur das Duett Barefoot in the Park, das er mit der spanischen Flamencosängerin Rosalía intoniert; über einem polyphonen Gemurmel aus Geisterstimmen und einem stoßweise rhythmisch blubbernden Bass steigern die beiden sich in den schönsten romantischen Schmelz. Doch ändert es nichts daran: Es schwankt weiterhin der Boden, auch für Liebende gibt es keine Erlösung von den Unwägbarkeiten der Welt.

James Blake ist einer der prägenden Sänger und Komponisten des letzten Jahrzehnts, sein Debütalbum James Blake aus dem Jahr 2011 war epochal in der Verbindung von digitalen und analogen Klängen und vor allem in der Verschränkung von Gesang, Elektronik und Beats. Zu den schweren Bässen und stolpernden Rhythmen, die er damals aus dem Dubstep und anderen Arten experimentierfreudiger Clubmusik lieh, sang Blake von Sehnsucht, Verlust, unerwiderter Liebe; und immer wieder sang er dabei mit sich selbst im Chor, er sampelte seinen Gesang, filterte, verdoppelte und vervielfachte ihn und verfugte ihn mit kleingehäckselten Klaviermotiven und elektronischen Sounds, bis man nicht mehr wusste, wo die Grenze zwischen Menschlichem und Maschine verläuft. Er machte seine Stimme zum Material und spiegelte sein Ich in splittrigen Klängen, und unter allem schwebten schwere, magnetische Bässe wie in seiner atemberaubenden Variation auf den Leslie-Feist-Song Limit to Your Love.

James Blake war ein Meisterwerk, aber man spürte schon, dass diese vollverspiegelte Ästhetik der Intimität auch leicht in Solipsismus umschlagen kann. Und so war es dann auch – nicht auf seinem zweiten, ähnlich avancierten Werk Overgrown aus dem Jahr 2013, aber auf dem 2016 erschienenen dritten Album The Colour in Anything, das einen erschöpften, saturnisch entfärbten Eindruck erweckte. Er sei damals in einer depressiven Phase gewesen, hat Blake später erläutert; auf dem neuen Album berichtet er von dieser Zeit in dem Song Don’t Miss It. Zum Sound eines präparierten, wie von einer knisternden Schellackplatte klingenden Klaviers singt er davon, wie er nur noch um sich selbst kreiste; wie die Kreise immer enger wurden und wie seine Zeitwahrnehmung sich änderte – "I could never see in real time" –, bis er ganz in einer eigenen Welt der ewigen Wiederkehr wohnte.

James Blake ist dann von London nach Los Angeles gezogen, er hat dort die Liebe seines Lebens gefunden, eine Therapie gemacht und, wie er sagt, seine Krankheit besiegt; an den schönsten und hoffnungsvollsten Stellen seines neuen Albums klingen die von ihm zu Chören verflochtenen Stimmen plötzlich nicht mehr nach einer narzisstischen Spiegelung in einem dunklen Club, sondern lichtdurchflutet, heiter und kalifornisch, als seien die Beach Boys als Ensemble junger Cyborgs wiedererstanden. "Can’t believe the way we flow", singt Blake in dem gleichnamigen Lied, umflort von einer strahlenden Doo-Wop-Harmonie. Er singt von dem Glück, das man empfindet, wenn sich die Grenzen zwischen dem Selbst und einem geliebten Menschen auflösen; wenn alles, was einen vorher festgelegt hat, plötzlich verschwindet und neu entsteht. So wechseln auf Assume Form nicht nur die Zustände und Stimmungen, sondern auch die Glücksversprechen und Utopien: die Feier des Leibs und jene des Äthers, die Sehnsucht nach Form und jene nach Formlosigkeit. Am Ende des Jahrzehnts, dessen Beginn er musikalisch einst prägte, hat James Blake uns einen Liederzyklus geschenkt, an dessen Ende man selbst nicht mehr weiß, was man möchte – einen Körper besitzen oder doch lieber nicht? –, aber dieser Zustand macht einen froh.