Kürzlich saß ich ein paar Stunden in London fest, genauer: in einem Pub auf dem Flughafen Heathrow. Es lief auf den Fernsehmonitoren nicht die übliche von kernigen Reporterstimmen begleitete Hetzreportage aus den Stadien der Premier League, stattdessen hatte sich das Programm, offenbar wie die restliche Struktur des Landes, aufgelöst, hysterisiert und zugespitzt – in diesem Fall zu einer ununterbrochenen Sondersendung von der Pforte des britischen Unterhauses.

Dies war das Schema: Reporter standen in der Kälte und wurden ab und zu besucht von grau- oder rotgesichtigen Politikern, die gerade aus dem offenbar überhitzten Parlament kamen. Die Abgeordneten traten in die Öffentlichkeit, wohl weil sie einander und die lebenslang geatmete Hinterzimmerluft nicht mehr ertragen konnten. Das Ganze war wie eine Live-Reportage vom Ufer eines umkippenden, von Algen beherrschten Teiches.

Da der Ton der Fernsehapparate ausgeschaltet war und stattdessen alles Gesprochene am unteren Bildschirmrand in Echtzeit eingeblendet wurde, sah man nur stumme, nach Luft schnappende Gestalten, die immer dasselbe sagten: We’re running out of time, wir brauchen mehr Zeit. Man fühlte sich beim Anblick der politischen Klasse Großbritanniens an einen Buchtitel von George Orwell namens Coming Up for Air ("Auftauchen, um Luft zu holen") erinnert, denn alle Gestalten, die vor die Kameras traten, sahen wie Ertrinkende aus, die es im letzten Moment geschafft hatten, Luft zu schnappen – ehe sie zurückmussten in die Tiefe ihres jeweiligen ideologischen Gewässers.

Inmitten des hyperventilierenden Brexit-Volks fällt in diesen Tagen einer auf, der das Chaos grinsend zu genießen scheint – als sei es zu seiner Unterhaltung in Szene gesetzt worden. Es ist John Bercow, der Sprecher des britischen Unterhauses. In einem parlamentarischen System, in dem die Leitfiguren, quasi die Fraktionschefs der Parteien, als whips bezeichnet werden, als Peitschen, die ihre Reihen auf Linie bringen und dafür sorgen, dass sie parteikonform abstimmen; in diesem autoritären Ganzen ist Bercow so etwas wie die glücklich schnalzende neunschwänzige Peitsche einer überparteilichen Kampfeslust – wobei jede seiner neun Peitschenspitzen mit einem anderen Gift imprägniert zu sein scheint. Sarkasmus, Arroganz, Ironie, Jähzorn, Rachlust, Eitelkeit, Unberechenbarkeit, Anmaßung – und eine hohe, zitterfreie Schlagfertigkeit; all das, in einer nicht immer ausgewogenen Mischung, verkörpert Bercow.

Er ist ein Tory, ein Konservativer, aber er ist auch ein remainer und ein Gegner Theresa Mays, die er kürzlich mit einem schlauen Winkelzug in die Enge getrieben hat. Zudem gilt er als Lenker einer Verschwörung, die den Brexit hinauszögern, wenn nicht verhindern will.

Der Mann hat in seiner Rauflust tatsächlich etwas Unangreifbares. Er ist ein Speaker, der, bevor er eine Frechheit spricht, mimisch ausholt und den Unterkiefer nach unten klappt, sodass seine Unterlippe sich sündig zu füllen scheint mit dem Wasser, das ihm bis zum Kinn steht. Nicht die stiff upper lip kennzeichnet ihn, sondern die auffahrende Maulheldenkinnlade.

England zerlegt sich selbst, und John Bercow nimmt von dem parlamentarischen Spektakel jede Sekunde dankbar mit – als dessen zentrale Figur, Regisseur und Disponent. Er liebt es, der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, er stehe auf der Brücke eines von Monsterwellen gehobenen Schiffs: mit einem Lächeln weist er die Wellen in ihre Schranken.

Der Brexit, so wirkt’s, hat diesen von Ehrgeiz und Witz geschüttelten Mann zur Kenntlichkeit entfesselt: Anders als Rumpelstilzchen wird er am Ende des Märchens wohl nicht von den eigenen Spannungen zerrissen werden. Im Gegenteil: Die Spaltung seines Landes scheint aus ihm einen ganzen, glücklichen Mann zu machen. Vielleicht erspart er uns sogar den Brexit. Wir sollten ihn im Auge behalten.