Es gab zwei Momente, da dämmerte es Walfried Janka, dass sein Leben ganz anders hätte verlaufen können. Die erste Ahnung kommt auf, da ist er 16 Jahre alt, heißt noch Walfried Oswald und wurde soeben von einem Krankenpfleger privat in Pflege genommen. Plötzlich gibt es keine Prügel mehr, dafür ein Zimmer mit Licht. Plötzlich gibt es Geräte wie Gabel und Messer, dazu Menschen, die ihm geduldig zeigen, wie damit umzugehen ist. Plötzlich merkt der Junge: Die Welt ist längst nicht so böse wie das, was bislang sein Alltag war.

Bei der zweiten Einsicht ist Walfried Janka 50 Jahre alt. Und diesmal steht am Ende die Verbitterung. An einem Dienstag im April 2016 stellt er sich in der niederösterreichischen Kleinstadt Horn an einen Tisch in der Bezirkshauptmannschaft, einer Behörde, ähnlich deutschen Landratsämtern. Vor Janka liegt seine Jugendamtsakte, die er jetzt zum ersten Mal einsehen will. Sein Vater ist unbekannt, die Mutter hatte den Säugling abgegeben, die Obhut übernahm die Jugendfürsorge der Bezirkshauptmannschaft Leibnitz in der Steiermark. 269 Seiten sammelte das Amt über ihn bis zu dem Tag, als er volljährig war.

Diese 269 Seiten holen Jankas Erinnerungen zurück. Etwa an die Schläge mit einem Kabelschlauch und die sexuellen Übergriffe, die er bei den Ordensfrauen der katholischen Kreuzschwestern durchstehen musste, als er in einer psychiatrischen Anstalt für behinderte Kinder interniert wurde. Vor allem aber schießen jetzt Bilder von jener Frau durch seinen Kopf, die er Mutti nennen musste. Der Frau, die ihn unaufhörlich verdroschen, in eine dunkle Kammer verbannt, ihm wenig, dafür oft verschimmelte Nahrung vorgesetzt, den Stuhlgang verboten, die Zähne mit einer rostigen Zange aus dem Kiefer gerissen hat. Und vieles mehr.

Walfried Janka wird schwindlig, so erzählt er später, dann übel. Er rennt ans Fenster, kann sich nicht übergeben, geht zurück und vergräbt sich weiter in den Aktenstapel. Findet den Brief, den Nachbarn an die Bezirkshauptmannschaft schickten.

"Betreff: Kindesmißhandlung.

(...) Als der Junge noch bei Fr. Absenger als (Fürsorge-)Pflegekind war, bekam er schon mehr Schläge als zu Essen (...). Nun ist der Bub wieder bei seiner größten Peinigerin, nichts zu essen, dafür Drohungen mit Schlägen, und Abends weiß er nicht, wo er schlafen soll ... So wurde schon einmal Anzeige bei der Fürsorge erstattet, aber wahrscheinlich hat man da keine Lust sich mit solchen Sachen zu befassen."

Es folgen psychiatrische Gutachten. Wie es dem verhaltensauffälligen, untergewichtigen Neunjährigen zu Hause ging, war für die Sachverständigen 1975 kein Thema. Sie befassten sich mit der Ohren- und Augenform des "neurotischen und überaus ängstlichen" Buben und stellten die Diagnose, das Kind sei "schwachsinnig" und "imbezil". Völliger Humbug, wie ein anderer Gutachter einige Jahre später urteilte, doch darauf gab es keine Reaktion.

Und dann gibt es dieses kurze Schreiben in der Akte, gerichtet an das Jugendamt, datiert auf den 19. August 1981. Ein Psychiater merkt an, "daß es uns sehr verwundert, daß Sie uns nicht über die Verurteilung der Pflegemutter wegen Kindesmißhandlung in Kenntnis gesetzt haben".