Im oberen Kühlschrankfach von Sarit Ohayon und Haggai Anson steht ein Stapel weißer Medikamentenschachteln. Darin liegen Hormonpräparate, von denen sich die Israelin Sarit Ohayon morgen eines in den Bauch spritzen wird. Die Hormone sollen ihre Eierstöcke stimulieren, mehrere Eizellen zugleich reifen zu lassen, und damit ihre Chance erhöhen, sich einen Lebenstraum zu erfüllen: endlich ein Kind zur Welt zu bringen.

Sarit Ohayon, 38, und ihr Partner Haggai Anson, 42, leben in Herzlia, einer Küstenstadt nördlich von Tel Aviv. Seit anderthalb Jahren wünschen sie sich ein Kind, seit einem Jahr gehen sie dafür in eine Fruchtbarkeitsklinik. Die Hormonbehandlung, der Ohayon sich unterzieht, ist Bestandteil der In-vitro-Fertilisation (IVF), einer Methode zur künstlichen Befruchtung, bei der ein Arzt der Frau Eizellen entnimmt, sie im Labor mit den Samenzellen des Partners zusammenführt und, bei erfolgreicher Befruchtung, den Embryo in die Gebärmutter der Frau einsetzt. Oft sind mehrere Versuche notwendig, die Prozedur zieht sich hin und zehrt an Körper und Nerven. "Die Hormone schlagen mir auf die Stimmung", sagt Ohayon. "Und ich leide dann darunter!", ergänzt Anson.

Doch wenigstens um einen Aspekt müssen die beiden sich nicht sorgen: die Finanzierung. Die Kosten der Behandlungen trägt die öffentliche Krankenkasse, so lange, bis Sarit Ohayon schwanger wird, so verlangt es das israelische Gesetz. Eine Regelung, die einzigartig ist auf der Welt.

Zum Vergleich: In Deutschland kostet eine einzige IVF-Behandlung einschließlich Medikamente um die 5.000 Euro. Krankenkassen übernehmen einen Teil der Kosten, die Patienten müssen dennoch pro Versuch mehrere Tausend Euro hinlegen. In Israel dagegen zahlt die Krankenkasse, bis eine Frau zwei Kinder geboren hat – sogar wenn sie selbst oder ihr Partner schon Kinder aus einer früheren Partnerschaft haben. Selbst alleinstehende Frauen können sich kostenfrei behandeln lassen. Das "Recht auf Elternschaft" ist ein gängiges Konzept in israelischer Rechtsprechung und öffentlicher Debatte.

Gemessen an der Einwohnerzahl werden in Israel deshalb mehr IVF-Behandlungen durchgeführt als in jedem anderen Land der Welt. Auch andere Formen künstlicher Befruchtung sind weit verbreitet und sozial akzeptiert. Als erstes Land überhaupt erlaubte Israel 1996 verheirateten Paaren, ihr Kind von einer Leihmutter austragen zu lassen. Im Juli dieses Jahres weitete die Knesset, das israelische Parlament, das Gesetz auf alleinstehende Frauen aus. Und seit 2011 erkennt die Rechtsprechung sogar ein Recht auf Großelternschaft an: In jenem Jahr entschied ein israelisches Gericht, dass ein Paar das eingefrorene Sperma seines verstorbenen Sohnes zur Zeugung eines Enkelkindes nutzen darf. Der Verstorbene hatte zuvor seine schriftliche Einwilligung gegeben.

"Seid fruchtbar und mehret euch!" heißt es in der biblischen Schöpfungsgeschichte. Um die beispiellosen Maßnahmen zu begründen, mit denen der moderne israelische Staat seinen Bürgern bei der Fortpflanzung hilft, wird gern darauf verwiesen. "Die jüdische Religion ist familienorientiert", schreibt etwa Liubov Ben-Nun, Medizinerin und emeritierte Professorin der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva. "Vor dem Hintergrund des ersten biblischen Gebots besteht die Pflicht, Kinder zu haben." Zwar nehmen es die meisten jüdischen Israelis mit vielen Geboten nicht so genau, diesem einen folgen sie jedoch pflichtbewusst: Mit 3,1 Kindern pro Frau hat Israel die höchste Fruchtbarkeitsrate unter allen Industriestaaten. Gewiss treiben ultraorthodoxe und arabische Großfamilien den Schnitt in die Höhe, doch selbst säkulare Israelis bekommen mehr Kinder (2,1 pro Frau) als durchschnittliche EU-Bürger (1,6).

Der Gang zur Fertilitätsklinik mag niemandem leichtfallen, folgt er doch der schmerzhaften Einsicht, dass der eigene Körper sich einer seiner grundlegendsten Aufgaben verweigert. Jüdische Israelis können sich, sofern sie gläubig sind, immerhin mit dem Gedanken trösten, dabei den Segen ihrer geistlichen Autoritäten zu genießen: Das israelische Oberrabbinat befürwortet künstliche Befruchtung ausdrücklich. In einem Land, in dem Religion das öffentliche Leben und die politische Debatte viel stärker prägt als in Westeuropa, spielt das eine wichtige Rolle.