Wenn Leander Haußmann an Fußball denkt, kommen ihm erst mal Schnaps, Bier und Nebelschwaden in den Sinn. "Samstags, wenn im Fernsehen die Sportschau kam, habe ich meine Eltern vor lauter Zigarettenrauch kaum gesehen", erinnert sich der Theater- und Filmregisseur, der in Friedrichshagen im Berliner Südosten aufgewachsen ist. Der Gruppendruck in seiner Klasse schob den 14-jährigen Leander in den Siebzigerjahren ins nahe gelegene Stadion des FC Union Berlin, der in der DDR als Club der Dissidenten galt. Seine Mutter nähte ihm dafür einen Umhang, das rot-weiße Tuch sah aber eher aus wie die polnische Nationalflagge. Noch dazu stand bloß "Union" darauf, die Buchstaben "FC" vergaß Mutter Haußmann. Die Volkspolizei nahm an, der Umhang bringe Sympathien mit der Jungen Union im Westen zum Ausdruck. Der Schüler wurde verhaftet, der Umhang in Gewahrsam genommen.

So erzählt Leander Haußmann die Geschichte, nachdem er an einem nass-grauen Januarnachmittag mit seinem Tretroller in einem Café in Prenzlauer Berg eingetroffen ist. Haußmann, ehemaliger Intendant am Bochumer Schauspielhaus, bekannt durch Filme wie Sonnenallee und Herr Lehmann, interessiert die Frage: Wie viel Theater steckt im Fußball?

Der schwarz gekleidete Haußmann bedauert, dass die Spieler beim Jubeln nicht mehr die Trikots ausziehen dürfen. "Ich finde es langweilig, dass man nicht mehr an Sex denken soll. Viele Frauen und schwule Männer stehen ja auch auf diese Körper, teilweise zumindest, obwohl diese O-Beine schon gewöhnungsbedürftig sind."

Welche Art von Publikum mag Haußmann? "Wenn es mehr mit dem Herzen dabei ist als mit dem Verstand." Rührend findet der Theatermann die Kostümierung des Publikums bei den Spielen – wenn sich gestandene Familienväter die Vereinsfarben ins Gesicht malen, hässliche Hüte aufsetzen und Fahnen schwenken. "Es geht dabei oft um die Suche nach der Familie. Manche Fans übertreiben es auch und vereinsamen dann."

Manchmal komme Verrat ins Spiel, dann, wenn ein Spieler die Seiten wechsele. Haußmann: "Das stellt die ganze Idee infrage. Ich habe mich immer gewundert, wenn ein Franzose plötzlich für Bayern München spielt, dass er dann immer noch in die Nationalmannschaft nach Frankreich zurückkehren kann." Meint er das ernst? Der Mannschaftssport, so der Regisseur, befriedige ein archaisches Bedürfnis. Und für dieses Bedürfnis solle man sich nicht schämen. "Was ich nur nicht mag, ist, dass man mit den Verlierern so schlecht umgeht. Bei einem frühen Ausscheiden bei der WM muss man unsere Nationalspieler genauso empfangen. Man muss sie nicht feiern, aber man sollte ihnen Trost spenden", fordert Haußmann.

Die Rolle mancher Sportfunktionäre erinnert Haußmann an die Zeiten in der DDR. Er denkt dabei zum Beispiel an den Präsidenten des FC Bayern München, der nach seiner Gefängnisstrafe wegen Steuerhinterziehung wieder Präsident wurde. "Dieser monarchistische Ton, mit dem Uli Hoeneß neuerdings auftritt, nachdem er seit ungefähr einem Jahr seine verlogene Demutshaltung abgestreift hat, das ist wirklich übel." Haußmann macht für dieses Selbstverständnis eine großbürgerliche Haltung verantwortlich: Die da unten können froh sein, dass es uns gibt. Denn wir geben ihnen Brot und Spiele. "Vielleicht wäre ich auch so, wenn ich schnell Erfolg gehabt hätte, dass ich die verachten würde, die für mich arbeiten."

Welche Rolle würde Haußmann mit einem Hoeneß oder einem Franz Beckenbauer besetzen? Das käme natürlich alles auf das Zeitalter an, antwortet der Regisseur. Einen Hoeneß könne man sich gut in einem Stück wie Volksfeind von Henrik Ibsen vorstellen, in dem es darum geht, dass die öffentliche Meinung oft als Wahrheit akzeptiert wird. Er könne sich Hoeneß aber auch als wohlbeleibten, trink- und raufsüchtigen Soldaten Sir John Falstaff vorstellen, der in Shakespeares Die lustigen Weiber von Windsor als zur Selbstüberschätzung neigend und in Heinrich IV. als melancholisch dargestellt wird. "Das ist das, was mich für Hoeneß wieder einnimmt. Er ist ein Renaissance-Mensch. Er liebt Reichtum, er liebt die Maßlosigkeit." Der komplette Realitätsverlust, "die Hybris ohne Katharsis", die im Gefängnis hätte stattfinden müssen, gehöre auch dazu.