Neulich, ich wollte die deutsche Bundeshauptstadt verlassen, endete der Weg zwischen Mauern. Es waren Mauern mit Schießschartenfassaden, sie waren im bösen Zickzack um den Berliner Hauptbahnhof gezogen, der plötzlich unerreichbar schien, wir befanden uns in einem Endlos-Loop zwischen Festungsmauern. Der Freund, der mich "mal schnell zum Bahnhof fahren" wollte, schrie: "Wir kommen nicht weiter! Den Zug kriegst du nie!" Ich sagte, erfahrungsgemäß würden doch heute 70 Prozent der Züge auf irgendeine Weise später fahren, also abwarten. Und dachte, wie interessant es doch ist, wie Architektur versucht, das Gefühl einer Epoche in Stein zu verdichten. Bedrohung, Abschottung, Verteidigung – die allabendliche Talkshow-Stimmung schlägt auf alles durch. Selbst in schönen deutschen Vorortlagen wachsen heute zwischen den traditionell in Rhododendron gebetteten Klinkervillen erste Schießschartenensembles hoch, im dumpfen Elefantengrau, der Porsche-Panzerfarbe, die wohl beim Gegenüber ein Gefühl der Bedrohung erzeugen soll. Sehschlitze sind mit stählernen Blenden versehen, ich stelle mir vor, wie die abends zugeschoben werden und dann drinnen alle vor dem Fernseher verfolgen, wie weit Kollege Trump mit seinen Mauer-Plänen ist. Droht ein Rückfall in kriegerische Zeiten? Wird es bald Häuserkampf geben? Womöglich Heldenbedarf? Man sorgt sich ja um seine Männer.

Zur Nervenberuhigung blättere ich gern in Stilmagazinen. Neulich stieß ich dort auf Robert Habeck. Wurde als Stilikone des Jahres 2019 ausgerufen. Habeck! Alter Schwede! Mit dieser schief geschlafenen Stoppelfrisur, hilflos glatt gekämmt. Äuglein verquollen, wie nach zu viel von irgendwas in der Nacht, vermutlich lesen, der Mann hat ja Philosophie studiert. Dazu trägt der Grünen-Vorsitzende einen beuligen Anzug, dazu, so der Beobachter, einen "mittelteuren Pullover". Die Rede war davon, dass Habeck "ausgewuchtet" daherkomme, was freundlich für Flummi ist. Insgesamt wurde eine Ausstrahlung von "stabiler Kuhwärme" gelobt. So also sieht der Mann aus, der heute auf der Liste der beliebtesten deutschen Politiker auf Platz 4 steht.

Ich stelle mir vor, wie Christian Lindner weint. Flinkgejoggt und schmalgeturnt, Anzug so knapp wie sonst nur Neopren. Steht abgeschlagen auf Platz 7 der Liste. Der kleine, flinke Maas liegt vor Lindner, aber doch zwei Plätze hinter Habeck, man hört, er habe seinen Diätberater zu sich zitiert und abgemeiert. Und die mit Hornknöpfen verstärkten Bayern? Söder gibt es auf der Liste gar nicht, der Seehofer gibt das Schlusslicht. Unbeliebtester Politiker. Angeführt wird die Liste von Schäuble, dem Politiker, der heute vom Rollstuhl aus die Rolle der klug kommentierenden Eule perfekt bedient. Schäuble und Habeck rahmen so als zwei Philosophen zwei patente Ladys, also Merkel und Kramp-Karrenbauer, unsere Kurzhaarfrisur-Damen.

Platon wäre so glücklich. Die Idee des ausgeruhten Philosophenherrschers ist zweieinhalb Jahrtausende alt und entzündet immer noch die Sehnsüchte, übrigens hatte schon der weise Athener die Frauen explizit als Führungspersonal ins Auge gefasst, wenn vielleicht auch der Hosenanzug nicht sein Traum-Styling war. Egal. Da doch stets die Floskel bedient wird, die Politik müsse schauen, was das Volk will, lässt sich jetzt eins sagen: Das Volk will offenkundig keine Typen, die im Franck-Ribéry-Sound "Fickt eure Mütter und eure Großmütter" grölen oder in Talkshows um sich ballern, sondern solche, die erst mal durchatmen, wenn sie gefragt werden, dann womöglich die müden Äuglein schließen, bevor sie den Mund aufmachen. Noch schöner, diese Männer könnten sogar Frauen sein. Und jetzt alle Schießscharten-Architekten ab in die Klausur und "Om" machen, bis ihnen was Ziviles eingefallen ist.