Neuester Feminismus oder ältester Kitsch? Josie Rourkes Film über Maria Stuart, deren Kampf mit Elisabeth I. um den englischen Thron seit Schiller ungezählte Male dramatisiert worden ist, zeigt die beiden Königinnen jetzt jedenfalls als weibliche Schmerzensfiguren in einer von Männern dominierten, von männlicher Gewalt und Mordlust deformierten Umgebung. Kaum schimmert etwas durch von Elisabeths politischem Genie und Marias kalter Begabung zu Intrige und erotischer Manipulation. Sie sind nun Opfer in erster Linie und selbst in ihrem Hochmut und Stolz, um dessen Darstellung sich die Schauspielerinnen Saoirse Ronan (Maria) und Margot Robbie (Elisabeth) redlich bemühen, scheinen sie als bloß Reagierende, als Objekte, nicht Subjekte des historischen Geschehens.

Aber natürlich: Wenn denn von weiblichem Heldenschicksal erzählt werden soll, kann man nicht beides haben, die Frau nicht sowohl als moralisch unschuldig wie auch als mächtige Akteurin darstellen. Die Regisseurin hat sich für die Moral entschieden – und damit auch für den Kitsch und ein Klischee, das seit alters den Frauen nur die Zartheit und die Schwäche, bestenfalls den Triumph in der Schwäche zubilligt. Zwei eisige Engel zu zeigen, hätte die Regisseurin wohl als Überforderung des Publikums empfunden; vielleicht hätte es sie auch selbst überfordert. Rourke, geboren 1976 und an Londoner Theatern groß geworden, ist eine Cambridge-Absolventin ihrer Generation; dort herrscht eine mindestens so überhitzte Gender-Debatte und Political Correctness wie in den USA.

Sie hat auch, nicht anders als man es auf einer Studentenbühne machen müsste, eine Reihe von Figuren mit nicht weißen Schauspielern besetzt, Elisabeths Vertraute Bess Hardwick mit der Chinesin Gemma Chan, den Musiker und Sekretär Marias mit einem Guatemalteken, den englischen Gesandten Dalgleish mit einem, übrigens vorzüglichen, Darsteller afrikanischer Herkunft. Dass dies historischer Unfug ist – man kennt ja die zeitgenössischen Porträts –, tut nichts zur Sache; es ist ja gerade der Skandal der älteren englischen Geschichte, dass sie so weiß war und nicht die gegenwärtige Zusammensetzung ("Diversity") der britischen Gesellschaft spiegelt.

Gute und Opfer kuschlig vereint

So wird also auf Teufel komm raus die Geschichte nach aktueller Stimmungslage rektifiziert; als Zusatznutzen springt heraus, dass gerade das Gefolge der weiblichen Heldinnen ethnisch gemischt erscheint – die Guten und die Opfer sind kuschelig vereint, nur um sie herum herrscht männlich-weiße Bosheit. Und natürlich religiöser Wahn: Dass es bei der Konkurrenz der englisch-protestantischen und der schottisch-katholischen Königin womöglich um mehr als Fanatismus und vorgeschobene Argumente gegangen sein könnte, um wirkliche Bekenntnisfragen, ist den Filmemachern gänzlich fremd, einschließlich des Drehbuchautors Beau Willimon (der übrigens zu den Mitschöpfern der House of Cards-Serie gehörte). Man ist hier aufgeklärt und atheistisch unter sich und kann nur mit Grausen auf die christliche Vergangenheit blicken.

Wie soll man den Film verstehen? Als Agitpropstück für eine Kellerbühne mag die Aktualisierung, die Verfremdung durch Besetzung und Umdeutung historischer Figuren ihren Reiz haben, ja sogar einen knalligen Charme, der von der dreisten Anverwandlung lebt. Aber im Historienfilm, vor allem wenn er mit Kostümen und archaisierenden Dialogen prunkt – es wird wild geshakespearet –, entsteht dabei eine eigentümliche Leere, ein Realitätsvakuum. Wann spielt die Geschichte? Heute oder gestern oder im Nirgendwo des allegorischen Lehrstücks? Und wer spielt in der Geschichte? Menschen mit der Psychologie von heute ("Maria, wir müssen reden") oder Menschen mit der Psychologie von gestern oder Schulfiguren ganz ohne Seele?

Indes – mag es auch an der seelischen Glaubwürdigkeit mangeln, gibt es doch einen machtvollen Antrieb in dem Film. Er steckt nicht im Innern der Figuren, sondern in der voyeuristischen Perspektive der Kamera. Die Häufigkeit von Szenen, in denen Frauen von Frauen ausgekleidet werden oder sich ihnen ausgekleidet oder menstruierend im Bad zeigen, grenzt an eine erotische Zwangsvorstellung. So etwas hat man zuletzt in dieser Ausführlichkeit bei David Hamilton gesehen, einschließlich der obsessiven Bevorzugung wenig entwickelter Frauenkörper und bisexueller Amouren. Liegt auch hier eine Verbeugung vor dem Zeitgeist vor, vor seiner Besessenheit von fluider Geschlechtlichkeit, oder ist an dieser Stelle der Film der Kontrolle seiner Regisseurin sanft entglitten? Verglichen mit der Lieblosigkeit der (wenigen) Schlachtengemälde und der hölzernen Wurschtigkeit der Dialoge ist hier jedenfalls ein Eifer am Werk, der die historischen Figuren noch einmal auf andere Weise und nicht mehr ideologisch missbraucht.