Der erste Feind, den unsere Gesellschaft völlig auszurotten versuche, sagte Michel Houellebecq, sei das männliche Zeitalter, mehr noch: "die Männlichkeit selbst". In seiner Preisrede zum Frank-Schirrmacher-Preis vor gut zwei Jahren beklagte er, dass der Besuch von Prostituierten in Frankreich unter Strafe stehe. Dieses notwendige Korrektiv der Ehe sei im Untergang begriffen und somit auch "die Familie und die gesamte Gesellschaft". Die europäische Gesellschaft werde mit derartigen Gesetzen in den Selbstmord getrieben. Frei sei man heute nur, wenn man sich aus der "Zwangsjacke der Linken" befreie, was nicht ganz leicht sei. Denn alle maßgeblichen Zeitungen seien links, nur Schriftsteller wie er seien noch bereit, das Denken zu befreien.

Man hat sich angewöhnt, derartige Ausführungen Houellebecqs als Provokationen zu verbuchen, die vielleicht nicht ganz ernst gemeint seien, sogar irgendwie erfrischend und abgründig frivol. Das ist erstaunlich, denn das neurechte Denken, das er regelmäßig von sich gibt – ein Schuss Frauenfeindlichkeit und Lügenpresse-Vorwürfe eingeschlossen –, ist völlig kohärent und in der Sache frei von jeder Ironie. Während die gesamte Buch- und Medienbranche durchdreht, wenn der neurechte Antaios-Verlag ein paar Ladenhüter auf der Messe vorstellt oder Uwe Tellkamp in Dresden Ungelenkes zur Meinungsfreiheit formuliert, ist man bereit, Houellebecq auch im linksliberalen Milieu zumeist mit nervöser Ehrerbietung zu feiern. Das ist nicht ganz selbstverständlich, wo es doch immer und überall um die berühmte Haltung geht, die man publizistisch gegen rechts so braucht. Und es ist regelrecht kurios, wenn man sich Houellebecqs allerneueste politische Verlautbarungen vor Augen führt.

Houellebecq feiert Trump als einen der besten Präsidenten, den die USA je hatten

Houellebecq hat jüngst in einem Interview unmissverständlich klargestellt: "Ich bin bereit, jeden zu wählen, der sich für den Austritt aus der Europäischen Union und der Nato einsetzt." Auch in seinem gerade erschienenen Essay im Harper’s Magazine ersehnt er sich die volle Souveränität Frankreichs zurück. Er preist Amerika dafür, dass es nicht mehr bereit sei, Demokratie in alle Welt zu tragen – denn demokratisch sei es eh kaum, alle paar Jahre einen Präsidenten zu wählen. Er preist Amerika dafür, dass es nicht mehr für die Pressefreiheit in den Kampf zieht – denn der Meinungskorridor, der in den Medien zulässig sei, werde immer kleiner, die Medien seien daher auch nicht der Verteidigung wert. Houellebecq feiert Trump, denn der möchte mit einzelnen Staaten verhandeln und nicht mit einer zum Scheitern verurteilten EU. Houellebecq feiert den Brexit. Er befürwortet Verhandlungen mit Russland. Er findet es wunderbar, dass Trump sagt, er sei ein Nationalist. Denn genau das, ein Nationalist, sei er, Houellebecq, auch. Er findet den wirtschaftspolitischen Protektionismus des amerikanischen Präsidenten sehr begrüßenswert, Trump sei nämlich gewählt worden, um für die Interessen der US-Arbeiter einzustehen. Im Großen und Ganzen sei Trump einer der besten Präsidenten, den Amerika jemals hatte. Es gibt nicht viele Politiker in der AfD oder im Rassemblement National, die sich derart pointiert zu ihrem Antiliberalismus bekennen würden wie der allerorts gefeierte Michel Houellebecq.

In den zumeist hymnischen Besprechungen seines neuen Romans Serotonin werden, von wenigen Ausnahmen abgesehen (ZEIT Nr. 02/19), Houellebecqs jüngste politische Einlassungen weitgehend ausgeklammert. Man erklärt den Roman bequemerweise zur rührenden Liebesgeschichte oder bewundert die ach so schöne und raffinierte Sprache. Die sei das "eigentliche Ereignis bei Michel Houellebecq" (FAS). So kann man natürlich jeden politischen Abgrund, ob bei Céline oder Ernst Jünger, vernebeln. Klar, es hat zweifellos großen Reiz, sich in das Leiden des durch Antidepressiva impotent gewordenen 46-jährigen Florent-Claude hineinzuversetzen und ein wenig mitzutrauern. Der Mann hatte es schließlich geschafft, die Liebe seines Lebens durch Fremdgeherei in den Sand zu setzen, etwas Sinnvolles hat das Leben ihm nicht mehr zu bieten, und es geht nur noch darum, ob er die letzte Kraft aufbringen wird, sich aus einem Hochhaus zu stürzen. Woran der gute Mann leidet, wird sehr klar: Wir sind den "Illusionen von individueller Freiheit, von einem offenen Leben, von unbegrenzten Möglichkeiten erlegen", heißt es am Ende resümierend. Kurzum: Wir sind zerbrochen am Individualismus der 68er, leiden an der Auflösung der Familien. Man lebte einst überhaupt besser, geborgener, die Frauen waren aufopferungsbereit, sie mussten noch nicht zwanghaft Karriere machen und sich das hässliche Rattenrennen um Pöstchen auch noch verlogen als Emanzipation schönreden.

Man kennt dieses prachtvoll zynische und kaputte Houellebecqsche Individuum seit seinen ersten Romanen. Die Vereinzelung, die kapitalistische Verwertung der Körper und des Begehrens fügen sich im neuesten Roman in die Logik des weltweiten Freihandels. In seinem glühenden Kern handelt Serotonin von Landwirten, die sich entweder umbringen oder mit schweren Knarren gegen die EU und ihren Wirtschaftsliberalismus kämpfen. Ihre Waren sind auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig, Argentinien überschwemmt den Markt mit billigen Aprikosen, und auch die Milch wird immer billiger. Gewalt ist im Roman ganz definitiv eine plausible Option, um gegen diesen Missstand vorzugehen. Und wenn Houellebecq fast zeitgleich zum Erscheinen seines Buches einen Essay zum protektionistischen Nationalismus veröffentlicht, dann konterkariert er nicht seinen Roman, wie kurioserweise behauptet wird, sondern liefert für ihn nur ein bisschen Überbau.

Ein Geschlechtermodell des 18. Jahrhunderts

Es gibt zwei Möglichkeiten, mit dem Unglück des Freihandels der Körper und der Waren umzugehen. Man kann sich mit Pillen sedieren, religiös entrückt werden und sich schließlich umbringen – oder aber man wendet Gewalt an. Zu Letzterem ist der depressive Held nicht fähig. Das muss er auch nicht, das können andere, Mutigere erledigen. Wenn der Ego-Shooter-Bourgeois im Gewand des linken, proeuropäischen Heuchlers alles gegen die Wand fährt, muss der nationalistisch gestimmte Citoyen im Akt der Selbstbehauptung zur Waffe greifen. Das ist die Moral. Wo nur noch leere und atomisierte Individuen saufen und am Ende des Monats nicht mehr die Rechnung zahlen können, weist der Gewehrlauf zur Freiheit und zur Wahrheit – hier, im rechten Antikapitalismus, kommen die beiden Enden der modernen Existenz endlich wieder zusammen. Den Schwachen, den im Ausleseprozess verbliebenen Feigen, bleibt immerhin der Hochhaussprung ins Himmelreich.

Im Freihandel der Worte ist der neue Roman eine besonders gut verkäufliche Delikatesse

In der gesinnungsethisch so superfein justierten Publizistik unserer Zeit müsste man solche frohen Botschaften geißeln wie Pest, Cholera und Gauland zusammen, aber hier wird auf einmal die Zartheit der Beschreibung der Depression gewürdigt. Folgt man den Jüngerinnen und Jüngern Houellebecqs, ist bei ihm eh alles, jede Wortmeldung, jedes Interview, eine künstlerische Strategie.

Wenn aber irgendetwas strategisch ist, dann diese durchsichtige Legendenbildung. Houellebecq ist im Freihandel der journalistischen Worte nun mal eine besonders leckere, gut verkäufliche Delikatesse, von der man auch in Zukunft noch ein bisschen zehren will. Da muss man es mit der Moral auch nicht mehr so übertreiben, Trump hin oder her. Und der journalistisch marktförmige Feminismus würde ja auch ein bisschen spießig wirken, wenn die altherrengeile Reduktion der Frau auf ihre drei Öffnungen in Houellebecqs Roman als anrüchig gebrandmarkt werden würde. Da feiert man Serotonin lieber als eine "Metaphysik der Muschis" (Welt). Und es stört ausgerechnet die Kritikerinnen auf einmal gar nicht mehr, dass ein Geschlechtermodell des 18. Jahrhunderts dem Roman als große Weisheit unterlegt ist: Die Frau liebt "als schöpferische Kraft vom Rang eines Erdbebens", während der Mann, der noch an die spitzfindige "Unterscheidung zwischen Leib und Seele" glaubt, sich erst nach und nach in der von der Frau erzeugten, ganzheitlichen Leidenschaft und ihrer archaischen Naturgewalt widerwillig verliert. Man hat Houellebecq in einer Rezension in der taz ernsthaft unterstellt, er habe ein feministisches Werk geschaffen. Da tut man ihm großes Unrecht.

Houellebecqs guter Schriftstellerfreund Frédéric Beigbeder hat in einem den Roman exstatisch feiernden Beitrag den schonungslosen Satz geschrieben: "Es wird unterhaltsam sein, den Bobo-Kritikern in den kommenden Wochen dabei zuzusehen, wie sie versuchen, einen Autor wieder für sich zu vereinnahmen, der sowohl die Ökos als auch die Feministen abschießt."

Das trifft es sehr genau. Houellebecq ist kein Spieler, kein Provokateur, kein Clown. Er schreibt, was er denkt. Und er sagt, was er meint. Und was geschieht, wenn man ihn, gewiss zu seinem Vergnügen, aus Opportunismus gegen den Strich liest, ist leider sehr simpel, und man traut es sich wegen der Floskelhaftigkeit kaum auszusprechen: Man macht rechtes, antiliberales Gedankengut salonfähig.