Leuchttürme dienen der Positionsbestimmung, und sie sollen vor Untiefen warnen. Die Odenwaldschule verstand sich, in elitärer Selbsterhöhung, als ein solcher Leuchtturm, als Alternative zu einer Pädagogik der Untertanenerziehung. Dass sich die Odenwaldschule aber auch als ein Ort des Verbrechens herausstellte, an dem Kinder und Jugendliche massenhaft sexualisierte Gewalt erlebten, wurde zunächst ignoriert. Erst im Zuge der Aufdeckung solcher Verbrechen in anderen Eliteschulen (Canisius Kolleg, Klosterinternat Ettal) haben 2010 ehemalige Schülerinnen und Schüler der Odenwaldschule der Öffentlichkeit die Spuren dieser Gewalt aufgedeckt, die jeden Zweifel ausschlossen.

Die "Untiefen", die jetzt sichtbar wurden, haben dem "Leuchtturm" jede Glaubwürdigkeit genommen und ihn letztlich zerstört. Die verzweifelten Rettungsversuche von Trägerverein und Schulverantwortlichen hatten keine Chance. Als unser Forschungsprojekt, dessen Befunde wir hier bilanzieren, den Auftrag zur Rekonstruktion der Bedingungen für unzählige sexualisierte Gewalttaten erhielt, befand sich die Odenwaldschule bereits in einem Zustand, der ein Fortbestehen oder gar einen Neuanfang nicht mehr zuließ. Die begonnene sozialwissenschaftliche Analyse trotzdem fortzusetzen war sinnvoll, denn die Fragen blieben: Wie konnte es so weit kommen? Und vor allem: Worin bestanden die strukturellen und kulturellen Bedingungen, die sexualisierte Gewalt über eine so lange Zeit begünstigt und aufrechterhalten haben? Wie ging die Institution mit Hinweisen auf den Missbrauch um, warum blieben sie bis zum Jahr 2010 im Dunklen?

Der Mythos der Odenwaldschule entstand nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus durch die Wiederaufnahme reformpädagogischer Ideen – und zwar im deutlichen Kontrast zu einem erschöpften staatlichen Schulsystem, das keine Kraft zu innovativen Veränderungen aufbrachte. Zu diesem Neustart gehörten engagierte Lehrkräfte, die aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus kamen oder von diesem in die Emigration gezwungen worden waren. Erprobt wurde ein Bildungskonzept, das Kinder und Jugendliche zu Selbst- und Mitverantwortung ermutigen, das über partizipatorische Mitwirkungschancen einen Ort demokratischer Lernkultur schaffen sollte. Ein differenziertes und strenges Regelsystem sollte das pädagogische Modell und seine kontinuierliche Weiterentwicklung absichern.

Aber genau diese Grenzen wurden von manchen Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften als zu rigide empfunden. Als in den 1970er-Jahren Gerold Becker die Leitung der Schule übernahm, nutzte er den Zeitgeist der Siebzigerjahre, der auf radikale Veränderungen setzte. Für den scheinbaren Liberalisierungsprozess gewann er große Unterstützung in der Schulgemeinschaft. Seine Reformrhetorik, in der er die Überwindung autoritär genannter Strukturen einforderte, kam gut an: flexible Beziehungsgestaltung und eine willkürliche Heimordnung statt starrer Kontrolle der Regeln. Aber genau dieses Fehlen eines verbindlichen, überprüften pädagogischen Konzepts eröffnete Handlungsfreiräume für Becker und andere Mitarbeiter. So entstand die Basis für ein sexuelles Missbrauchssystem. Das ist die Paradoxie der Odenwaldschule: Die Instrumentalisierung des Reformbegehrens hat den reformpädagogischen Kern zerstört.

Gerold Becker verstand es mit dem Einsatz großer rhetorischer Fähigkeit sowie dem Sympathiekredit, den er sich durch sein geschickt inszeniertes Auftreten erworben hatte, die Oberhand in der Auseinandersetzung mit schulinternen Widersachern zu behalten. Das geschah nicht zuletzt aufgrund der Rückendeckung durch den Vorstand der Odenwaldschule und mittels eines mächtigen schulinternen und externen Netzwerks von Unterstützern. Zu ihnen gehörten prominente Vertreter in Politik und Wirtschaft, aber auch hoch angesehene Bildungsreformer wie Hellmuth Becker, Georg Picht oder Hartmut von Hentig. Seine Gegner hatten die zunehmende Regellosigkeit kritisiert und sich für verbindlichere Rahmenbedingungen im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern eingesetzt. Weil sie sich mit ihren Forderungen nicht durchsetzen konnten, verließen viele die Schule. Becker sah sich dadurch gestärkt, wodurch sich Zonen sexualisierter Gewalt weiter ausbreiten und verfestigen konnten.

Das Ziel, ein Lernort für demokratische Lebensformen zu sein, ging mit der Erosion der institutionellen Beteiligungsstrukturen und dem Abbau von Mechanismen der Selbst- und Organisationskontrolle verloren. Die Schule verkam – über Beckers Zeit als Schulleiter hinaus – zu einer narzisstisch überhöhten Institution, in der die Mitarbeiter zu Selbstüberschätzung neigten. Eine externe Schulaufsicht, die hier hätte gegensteuern müssen, griff nicht ein.

Die Odenwaldschule wurde so zum Gefährdungsmilieu. Schülerinnen und Schüler wurden von Pädagogen in Beziehungen verstrickt, die von emotionaler Ausbeutung und sexueller Aufladung geprägt waren. Diese Verstrickungen geschahen häufig in weitgehend autonom organisierten familienähnlichen Intimräumen. Erwachsene, denen die Jungen und Mädchen zur Erziehung anvertraut wurden, instrumentalisierten dabei die Bindungs- und Zugehörigkeitswünsche dieser Minderjährigen, indem sie ihnen eine scheinbar exklusive Zuwendung entgegenbrachten und sie letztlich emotional und sexuell ausbeuteten. Dabei unterstellten sie ihren Opfern Einvernehmlichkeit, was umso schwerer wog, als diesen Kindern und Jugendlichen kein Regulativ zur Verfügung stand, das ihnen dabei geholfen hätte, den verbrecherischen Charakter der Missbrauchsverstrickung zu entlarven.

Wie bei anderen Institutionen, die sexualisierte Gewalt zugelassen, nicht sanktioniert und verleugnet haben, sind auch die meisten dieser Kinder und Jugendlichen der Odenwaldschule durch Ringe des Schweigens daran gehindert worden, ihre Erlebnisse mitzuteilen. Zwar gab es – trotz Schamgefühlen, Ängsten und Abhängigkeiten – immer wieder Jugendliche, die es geschafft haben, Signale zu setzen. Aber niemand war willens oder in der Lage, diese Signale richtig zu deuten.