Vergangenen Mittwoch erreichten 8000 langstielige rote Rosen die Diensträume von Nancy Pelosi in Washington und ließen das Büro der mächtigsten Demokratin Amerikas wie die Theaterumkleide von Barbra Streisand aussehen. Pelosi war gerade erneut zur Vorsitzenden der Demokraten im Repräsentantenhaus gewählt worden, und um das Ereignis zu feiern, hatte die linke Website Daily Kos ihre Leser dazu aufgerufen, der Politikerin Rosen zu schicken. Seit Weihnachten bietet Pelosi Donald Trump die Stirn. Er will mit Haushaltsmitteln an der Grenze zu Mexiko eine Mauer bauen, die Demokraten wollen das verhindern. Das Ergebnis ist eine seit Wochen andauernde Haushaltsperre. Und eine Demokratische Partei, die so geschlossen auftritt wie schon seit Langem nicht mehr.

10.000 Rosen sollten zusammenkommen. Am Ende waren es 25.000. Wer hätte so viel Zuneigung vor wenigen Monaten für möglich gehalten?

Nancy Pelosi, das kann man ohne Übertreibung sagen, war lange so ungeheuer unbeliebt in ihrer Partei, dass viele daran dachten, sie als Vorsitzende nach der Parlamentswahl im vergangenen November abzusetzen, auch wenn die Demokraten die Wahl gewinnen würden. Pelosi, so war der Gedankengang in etwa, ist 78 Jahre alt. Seit 1987 sitzt sie als Abgeordnete aus San Francisco im Kongress. Im Präsidentschaftswahlkampf 2016 hat sie Hillary Clinton unterstützt, und mit einem geschätzten Vermögen von über 50 Millionen Dollar zählt sie zu den reichsten Abgeordneten. Sollte wirklich sie die Partei nach der gigantischen Niederlage gegen Trump erneuern können?

Junge Wähler und auch die Medien ließen sich von jungen linken Aktivisten wie Alexandria Ocasio-Cortez aus New York verzaubern. Ocasio-Cortez legte eine Energie an den Tag, die wieder Lust auf Politik machte. Sie gewann jedes Twitter-Match mit lässigen Erwiderungen, inszenierte sich als Einwanderer- und Arbeiterkind und vertrat Positionen, die so klar und moralisch klangen wie die Zehn Gebote.

Und nun die Rosen. Hat sich Nancy Pelosi mit 78 Jahren noch einmal völlig verwandelt? Oder was ist passiert?

An einem warmen Frühlingstag im vergangenen Jahr sitzt Nancy Pelosi in einem Hotel in Washington und redet mit einigen Journalisten über die bevorstehende Parlamentswahl. Sie trägt einen leuchtend blauen Hosenanzug, dazu farblich abgestimmte Highheels, üppigen Goldschmuck und eine Apple Watch. Sie redet über ein Infrastrukturgesetz, das sie sich mit den Republikanern vorstellen kann, eine gerechtere Wirtschaft, eine bessere Welt für Kinder und über Obamacare, die große Gesundheitsreform von Barack Obama. Sie spricht schnell, kommt von einem Thema zum nächsten, immer wieder fällt ihr noch ein Detail, noch eine Zahl ein, bis man völlig den Faden verliert. Es ist ein Best-of der Demokraten aus den vergangenen zehn Jahren.

Pelosi sitzt dabei vor einem großen Plakat des Unternehmens Uber aus ihrer Heimatstadt San Francisco, das die Unterhaltung sponsert. Eine Uber-Sprecherin hat den Fahrdienst zuvor als die Lösung des Umweltproblems aller verstopften Großstädte gepriesen: Anstatt dass jeder mit seinem eigenen Auto durch die Innenstädte fahre, sagt sie, biete Uber das gemeinschaftliche Fahren an und reduziere so die Zahl der Autos. Man fragt sich, ob sie bei Uber schon einmal etwas von U-Bahnen oder Bussen gehört haben und was eigentlich Nancy Pelosi davon hält.

Als junge Politikerin hat Pelosi oft radikal linke Positionen vertreten. Sie hat früh für die Rechte von Homosexuellen gekämpft und für das Recht auf Abtreibung. Sie hat als eine der ganz wenigen gegen den Krieg im Irak gestimmt. Das ist lange her. Heute sind diese Positionen Mainstream geworden.

Was sagt sie dazu, dass sich einige der demokratischen Kandidaten von ihr distanzieren? Den Rechten in ihrer Partei ist sie zu links, den jungen Demokraten ist sie nicht links genug. Das sind die beiden Enden der Partei, die sie seit Jahren im Parlament zusammenzuhalten versucht. Dieser Kraftakt hat sie geprägt. Und so antwortet sie der Journalistin lässig: "Wenn sie damit gegen einen Republikaner gewinnen können, wunderbar. Just win, baby!"