"Der Krieg und die Romantik – schreckliche Geißeln!" Mit diesen Worten beschrieb der Schriftsteller Anatole France das intellektuelle Ressentiment der Moderne gegenüber der Romantik, die als finsteres Gegenprojekt zur lichten Aufklärung Nationalismus und Bellizismus zum deutschen Wesen erhoben habe. Mit ihrer mystischen Verklärung deutscher Kultur und Geschichte habe sie zudem der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie den Weg bereitet. Kurz gesagt: Hätte Herder nicht den Begriff des Volkes so mythologisch aufgeladen, hätte Hitler seine völkische Rassenpolitik niemals durchsetzen können, meint France.

Tatsächlich war es der Weimarer Klassiker Johann Gottfried Herder, der im Volk den Kitt sah, der die deutsche Kleinstaaterei zusammenhielt. Aber Herder berief sich nicht auf Blut oder Rasse, sondern auf die gemeinsame Sprache und Lebensart. Sie allein sollten die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft bestimmen. Das schloss ein, auch fremde Kulturen zu schätzen. Aus diesem Grund stellte er die Liedersammlung Stimmen der Völker in Liedern zusammen.

Die Romantiker mieden anfänglich eher den Krieg, suchten Lösungen für die Gegenwart lieber in der Märchen- und Sagenwelt, wandelten durch die zauberhafte Natur und begaben sich auf eine Reise in die Innerlichkeit. Und sie setzten auf Weiterbildung. Novalis schrieb einem Freund: Die anderen Mächte Europas möchten ruhig zu Felde ziehen und versuchen, sich an Macht und Gebieten zu bereichern, der Deutsche hingegen bilde sich in der Zwischenzeit "mit allem Fleiß zum Genossen einer höheren Epoche der Kultur, und dieser Vorschritt muss ihm ein großes Übergewicht über die andere[n] im Lauf der Zeit geben".

Mit Ruinenfaszination lässt sich kein Staat machen. So romantisch waren die Romantiker nicht, dass sie das nicht wussten. Ihre politische Unschuld verlor die Romantik im Spätsommer 1806: Am 6. August erklärte Kaiser Franz II. das Heilige Römische Reich für beendet. Zwei Monate später unterlag Preußen Napoleon in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt. Der konservative Politiker Ernst Brandes konstatierte damals: "Deutschland existiert nicht mehr, doch das Volk ist noch vorhanden."

Seitdem funktioniert das Volk in der deutschen Vorstellung wie die Blackbox nach einem Flugzeugabsturz: Sie selbst ist unzerstörbar. Man muss sie lediglich finden und auslesen. Dann kennt man die Ursache der Katastrophe. 1789 tanzten die Tübinger Studenten Hölderlin, Hegel und Schelling im Tübinger Stift noch um einen jakobinischen Freiheitsbaum. Als Napoleon die geschichtlichen Grenzen neu ordnete, schlug die Zustimmung in Hass um. Vater Rhein war fortan kein mythischer Strom mehr, sondern eine politische Frontlinie. Der beschaulichen Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn folgten säbelrasselnde Schlachtengesänge, die in den Befreiungskriegen 1813 ihren Höhepunkt erlebten. Ernst Moritz Arndt dichtete Was ist des Deutschen Vaterland?, Theodor Körner, Max von Schenkendorf und Friedrich Rückert bliesen in dasselbe Horn. Zeitgeist-Lyrik, nichts von Dauer. Nur Heinrich von Kleist schrieb mit seiner Hermannsschlacht ein Geschichtsdrama, das über das rein Martialische weit hinausgeht; stimmt allerdings in seiner Ode Germania an ihre Kinder einen blutrünstigen Rachegesang an. Der "Kampf als inneres Erlebnis" – dieses romantische Motiv jener Zeit nimmt Ernst Jünger in seinem gleichnamigen Essay 1922 wieder auf.

Warum Volk und nicht Nation? Der große Korse hatte den Begriff der "Grande Nation" schon besetzt. Zudem transportiert der Volksbegriff nach Herder auch eine biologistische Weltanschauung: menschliche Gemeinschaften entwickeln sich wie Pflanzen und Tiere nach einem harmonischen organischen Ablauf.

Dieses Bild findet sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wieder im "gesunden Volkskörper", der all das abstoßen muss, was nicht Teil von ihm ist. Das waren vor allem die Juden. Sie waren international vernetzt und wurden als Kosmopoliten verachtet. In der "Deutschen Tischgesellschaft" von Achim von Arnim und Clemens von Brentano wurden weder Juden noch Frauen zugelassen. Arnims Gattin Bettina, eine geborene Brentano und Dichterin, widersetzte sich – als Romantikerin – diesen Tendenzen und kämpfte stattdessen für die politische Gleichstellung von Frauen und Juden.

Heinrich Heine, selbst ein Romantiker, der nicht dazugehören durfte, weil er Jude war, sah in seiner polemischen Schrift Die Romantische Schule das neue Junktim aus Volk und Vaterland kritisch: "Der Patriotismus des Deutschen besteht darin, dass sein Herz enger wird, dass es sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte, dass er das Fremdländische hasst, dass er nicht Weltbürger, nicht Europäer, sondern nur ein enger Deutscher sein will."