Der Pförtner öffnet die schwere Holztür, führt durch den Kreuzgang des Kapuzinerklosters in Olten und bittet in ein kleines Zimmer. In einer Ecke steht eine Gebetsbank, an den Wänden hängen Ikonen und ein großes Kruzifix. In der Mitte steht ein Tisch. Bruder Niklaus Kuster kommt herbeigeeilt, er ist groß und hager, das Haar zerzaust

DIE ZEIT: Bruder Niklaus, als Kapuziner haben Sie sich zu einem Leben in Armut verpflichtet. Besitzen Sie eigentlich ein Bankkonto?

Niklaus Kuster: Nein. Wenn ich etwas verdiene, geht das direkt auf das Klosterkonto, das von Bruder Werner verwaltet wird. Ich muss mich so gut wie nie um administrative Dinge kümmern, das ist sehr praktisch.

ZEIT: Wenn man sich Ihre Tätigkeiten anschaut, denkt man eher an einen Topmanager als an einen Klosterbruder: Sie dozieren an mehreren Universitäten in der Schweiz, in Deutschland, Spanien und Italien, sind ein gefragter Theologe für franziskanische Spiritualität, Sie schreiben Bücher, geben Kurse, leiten Pilgerwanderungen.

Kuster: Mit dem kleinen Unterschied, dass ich vor allem zu Fuß und mit der Bahn unterwegs bin. Überhaupt denke ich bei meinem Lebensstil weniger an Manager ...

ZEIT: ... als an?

Kuster: ... Franz von Assisi. Auch er war ein Reisender. Wir sind Wanderbrüder, sehen uns als Pilger und Gäste auf dieser Welt.

ZEIT: Sie haben mit Ihren Tätigkeiten eine Marktlücke gefunden und könnten mit Ihrem Geschäft reich werden.

Kuster: Die Pilgerwanderungen, die ich anbiete, sind nicht profitorientiert. Klar könnte man das wirtschaftlich interessant gestalten. Aber das würde sich mit dem franziskanischen Geist beißen.

ZEIT: Sie halten ja auch regelmäßig Vorträge. Da könnten Sie saftige Honorare verlangen.

Kuster: Das ist mir völlig fremd. Auch wenn ich die Frage "Was kosten Sie?" oft gestellt bekomme. Meist ist es die dritte Frage, nachdem man sich über das Datum und den Inhalt des Referats verständigt hat.

ZEIT: Wie lautet Ihre Antwort?

Kuster: Ich koste nichts. Aber meine Brüder sind froh, wenn ich einen Beitrag zu unserem Lebensunterhalt leisten kann. Wir haben jedoch keine festen Honorarforderungen. Die Organisatoren der Veranstaltung machen mir einen Vorschlag, und ich sage: Das ist mir recht. Ende Jahr schaue ich, ob das Honorar, das mir versprochen wurde, eingetroffen ist.

ZEIT: Wie viel verdienen Sie unterm Strich?

Kuster: Wir machen in unserem Kloster Anfang Jahr ein Budget. So wie das vermutlich jede andere Familie auch tut. Für mich werden etwa 50.000 oder 60.000 Franken eingesetzt, die ich für den Lebensunterhalt der Gemeinschaft beisteuere.

ZEIT: Wenn es Ihnen bei der Arbeit nicht ums Geldverdienen geht, worum dann? Wollen Sie die Leute bekehren?

Kuster: (lacht schallend) Ouuu, nei! Nein! Ich habe keine Bekehrungsgelüste! Ich werde häufig von Leuten gerufen, die nach einer tief verwurzelten Spiritualität suchen. Keine Birchermüesli-Spiritualität, wie es gerade Mode ist, bei der man von überall ein bisschen nimmt, was einem gerade passt. Franz von Assisi spricht viele Menschen an – auch über das Christentum hinaus. Nicht umsonst treffen sich die Weltreligionen in Assisi, wenn sie für den Frieden der Welt beten.

ZEIT: Sie waren 22 Jahre alt, als Sie erstmals mit dem Gedanken spielten, ins Kloster einzutreten. Welche Rolle spielte das Materielle damals für Sie?

Kuster: Ich komme aus einer großen Familie mit fünf Kindern. Meine Eltern mussten sehr gut rechnen, um mit uns über die Runden zu kommen. Da gab es kein Geld zum Versauen. Für mich war klar, dass ein möglichst kostenbewusstes Studentenleben meinen jüngeren Geschwistern zugutekommt. Als ich für mein Geschichtsstudium nach Freiburg im Üechtland kam, hat mich etwas anderes viel mehr beschäftigt als das Geld.

ZEIT: Nämlich?

Kuster: Ich bin in Eschenbach, einem kleinen Bauerndorf, aufgewachsen. Nach der Matur in der Klosterschule Appenzell kam ich nach Freiburg und habe, obwohl das beileibe keine Großstadt ist, zum ersten mal soziale Probleme gesehen. Ich wusste bis dahin nur aus Büchern, dass es Leute gibt, die auf der Straße leben. Wenn ich am Morgen von meiner Studentenbude an die Uni ging, sah ich Leute, die sich aus Kartonschachteln schälten, oder Prostituierte, die auf dem Straßenstrich arbeiteten. Ich hatte am Anfang keine Ahnung, was diese Frauen überhaupt anbieten. Mit einigen freundete ich mich an – nicht als Kunde! – und erfuhr von ihren Schicksalen. Das hat mich erschüttert. Nicht dass es Prostitution gibt, sondern wer davon profitiert und wie man mit diesen Frauen umgeht. In Freiburg lernte ich auch die ersten Drogensüchtigen kennen. Diese soziale Schattenwelt beschäftigt mich bis heute.

ZEIT: Was haben Sie getan?

Kuster: Ich begann mein Studium zu hinterfragen. Es passte nicht mehr zusammen, dass ich mich mit der Antike befasse, mit sozialen Problemen im Mittelalter und nach Feierabend an den Problemen der heutigen Welt vorbeispaziere. Ich fragte mich, was ich dazu beitragen kann, damit die Welt menschlicher, gerechter, heller wird.

ZEIT: Eigentlich wollten wir über Geld reden. Aber Sie scheinen sich nicht besonders dafür zu interessieren.

Kuster: Was immer ich verdiene, kommt in die Klosterkasse. Was immer ich brauche, darf ich aus der Klosterkasse nehmen. Aber natürlich versuche ich, einfach zu leben. Und ich weiß, dass ich mit 57 Jahren der Zweitjüngste in unserem Kloster bin: Das Geld wird von Jahr zu Jahr etwas knapper.

"Ich habe zwei Paar Schuhe"

ZEIT: Haben Sie ein Portemonnaie?

Kuster: Nein. Das hat viele Vorteile. Ich wurde zum Beispiel in den vier Jahren, die ich in Rom studiert habe, nie bestohlen. Ich habe das Generalabonnement der SBB und kann in der Schweiz überall hinreisen. Manchmal habe ich ein Nötli im Hosensack.

ZEIT: Wer gibt Ihnen dieses Nötli?

Kuster: Bruder Werner, der das Geld verwaltet, oder unser Guardian, Bruder Josef.

ZEIT: Müssen Sie sagen, wofür Sie das Geld brauchen?

Kuster: Bücher werden dem Bildungskonto abgebucht, Sackgeld als Sackgeld, Feriengeld als Feriengeld. Ich habe ja vier Wochen Ferien pro Jahr.

ZEIT: Was machen Sie dann?

Kuster: Am besten erhole ich mich beim Pilgern. Oft reise ich eine Woche allein und eine zweite mit Freunden oder Freundinnen. So ungeplant wie möglich, und nachts schlafe ich unterm freien Himmel. Ich bin ein Naturfreak. Auf diese Weise bin ich von Erfurt nach Santiago de Compostela gepilgert und von Köln nach Palermo. Ich erlebe enorm viel Gastfreundschaft, vor allem in Italien. Wenn die Leute merken, dass ich ein frate bin, muss ich mich manchmal wehren gegen übermäßige Gastfreundschaft.

ZEIT: Nie Lust auf einen Wellness-Urlaub verspürt?

Kuster: Ich schwimme lieber in einem Bergsee. In einem Spa käme ich mir exotisch vor.

ZEIT: Sie haben eine Biografie über einen Ihrer Mitbrüder geschrieben, den heiligen Konrad. Darin schreiben Sie, dass er nicht gut zu sich geschaut und über seine Grenzen hinausgegangen sei. Heute würde man sagen, er war ein Workaholic.

Kuster: Er war Pförtner im stressigsten Wallfahrtskloster von Deutschland, in Altötting, und hat dort bis zu 200 Leute am Tag empfangen. Er wurde vor 200 Jahren geboren in einer Zeit, als man in den Klöstern und überhaupt der katholischen Kirche das Wort Selbstsorge nicht kannte. Im Gegenteil, man sagte den Leuten, dass sie selbstlos sein müssten, keine eigenen Interessen verfolgen dürfen. Das ist eine einseitige Spiritualität.

ZEIT: Warum?

Kuster: Ich glaube, man kann auf Dauer anderen Menschen nur Gutes tun, wenn man auch sich selbst gegenüber großzügig ist. Eine gute Selbstliebe geht Hand in Hand mit der Nächstenliebe.

ZEIT: Heißt Selbstliebe für Sie auch, sich ab und zu etwas Schönes zu kaufen?

Kuster: Ich selbst verbinde die Schönheiten des Lebens nicht unbedingt mit Materiellem. Ich freue mich am Ästhetischen. Daran, dass Mitbrüder das Flair haben, das Kloster schön zu machen mit einer Blume hier, einer Blume dort. Ich habe zwei Paar Schuhe: die Sandalen, die ich trage, bis sie Löcher haben. Wenn es schneit, ziehe ich die Trekkingschuhe an.

ZEIT: Was leisten Sie sich außer ein paar neuen Schuhen, wenn die alten kaputt sind?

Kuster: Eine schöne CD, ein gutes Buch. Oder wenn ich für einen Vortrag nach Deutschland reise, lege ich hin und wieder einen Stopp ein. So habe ich Weimar und Hamburg kennengelernt.

ZEIT: Einen minimalistischen Lebensstil zu pflegen ist gerade hip. Was halten Sie von diesem Lifestyle?

Kuster: Ich habe neulich die deutsche No-Waste-Aktivistin Manuela Gaßner kennengelernt. Sie hat eine fünfköpfige Familie und schafft es, in einem Jahr nur einen einzigen Abfallsack zu verwenden. Alles andere kann sie rezyklieren oder vermeiden. Das hat mich sehr beeindruckt, und davon können wir, obwohl wir als Franziskaner ökologisch sensibel leben, einiges lernen. Unsere Erde braucht radikales Engagement. Die Frage ist, wie viel Zeit man aufwenden kann und will, um ein ökologisch korrektes Leben zu führen.

ZEIT: Würden Sie uns allen empfehlen, ärmer zu leben?

Kuster: Ich tue mich schwer mit dem Wort Armut. Mein Leben ist nicht vergleichbar mit dem Leben von jemandem, der hierzulande auf der Straße oder in den Favelas von Lateinamerika lebt. Ich habe gelernt, dass wir Kapuziner nicht versprechen, möglichst wenig zu haben, sondern möglichst viel zu teilen. Das ist nicht nur materiell gemeint. Wir wollen Erfahrung, Zeit und Raum teilen. Auch wenn das manchmal anstrengend ist.

ZEIT: Welchen Preis bezahlen Sie für das Leben, das Sie führen?

Kuster: Der spürbarste Preis ist der, dass ich keine Familie habe. Zwischen 40 und 50 hat mich das noch einmal umgetrieben. Nun ist das Thema nicht mehr so präsent. Ich habe einen Weggefährten, mit dem ich im Noviziat war. Er hat später geheiratet, ist aber ein guter Freund geblieben, ich bin der Firmpate seiner ältesten Tochter. Manchmal sagt er zu mir: Ach Niklaus, du hast eine unglaubliche Freiheit! Du kommst an so viele Orte, kannst so viel machen. Ich beneide dich!

ZEIT: Und was sagen Sie zu ihm?

Kuster: Ach Christoph, du erlebst so viel Geborgenheit in deiner Familie, siehst deine drei Kinder aufwachsen, hast eine tolle Frau! Wir spiegeln uns gegenseitig den Reichtum im Leben des andern.