Wer oben was verändern will, muss unten anfangen. Das hat Patricia Schlesinger begriffen, als sie zum ersten Mal in der Kantine des RBB saß und ihr das Essen, nun ja, nicht sonderlich schmeckte. Schlesinger ist Intendantin jener Rundfunkanstalt, auf ihrem Schreibtisch landen große Aufgaben, weil es ein großes System ist, das sie verantwortet. In der Kantine aber merkte sie, dass sie auch kleine Probleme selbst lösen muss, das der Schaschlikpfanne mit Pommes frites zum Beispiel oder jenes mit dem Szegediner Schweinegulasch. "Gutes Essen ist auch eine Form der Wertschätzung", sagt sie, auf die vor ihr stehende Tomatensuppe blickend.

Seit zweieinhalb Jahren ist die 57-Jährige Chefin des RBB – das Kürzel steht für Rundfunk Berlin-Brandenburg. 2016 war es, am 8. April, direkt nachdem der Rundfunkrat sie gewählt hatte, als Schlesinger vor die Mikrofone trat und sagte, dass der RBB "noch stärker" und das Programm "noch besser" werden sollte. Viele, die einen neuen Posten antreten, reden so. Diese Frau aber schritt auch zur Tat. Bevor Schlesinger kam, lief im RBB an vier von fünf Abenden "fremdes", also von anderen Sendern übernommenes Programm – inzwischen werden an fünf von fünf Abenden eigenproduzierte Sendungen gezeigt.

Das ARD-Mittagsmagazin, das fast drei Jahrzehnte lang aus München gesendet wurde, wird seit vergangenem Jahr vom RBB verantwortet. Neben solchen Neuigkeiten, die sich gut machen in Pressemitteilungen, kümmert sich Schlesinger auch um Handfestes wie die Verpflegung. Zum Zeitpunkt des Interviews gibt es noch keinen neuen Kantinenbetreiber. Ihre Tomatensuppe und den kleinen Salat nimmt Schlesinger in einem Restaurant um die Ecke ein.

Seit Schlesinger Intendantin ist, hat der RBB an Akzeptanz gewonnen

Da sitzt sie nun am Fenster, die Frau, die Berlin noch als geteilte Stadt kennt, die in ihrer Jugend oft über die Grenze fuhr, weil ein Teil der Familie in der DDR lebte. Ihr Großvater war Mitbegründer der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands. Schlesinger war es gewohnt, das Brandenburger Tor abwechselnd von beiden Seiten zu betrachten, aber nicht hindurchzukönnen. Eben fuhr sie mit einem Taxi durch das Brandenburger Tor, und die Erinnerungen kamen wieder hoch. "Meine Vergangenheit macht eine Menge aus", sagt Schlesinger. "Ich fühle mich sehr zu Hause hier. Und ich fühle mich im Osten wohl."

Das passt nicht schlecht, denn Schlesingers Aufgabe besteht darin, einem Sender Profil zu verleihen, der sowohl die Metropole Berlin als auch das flächige Bundesland Brandenburg erreicht, der die Geschichte des deutschen Ostens mit der des Westens vereinen soll. Und: der seine eigene Akzeptanz steigern muss. Als Schlesinger 2016 antrat, lag der Marktanteil in Berlin-Brandenburg bei 5,5 Prozent. 2017 waren es 0,4 Prozent mehr, 2018 hat sich dieser Wert allerdings nicht verändert (siehe Kasten). Gerade, das muss man sagen, stagniert die Akzeptanz.

Der RBB ist der jüngste Sender innerhalb der ARD-Anstalten. Das System ARD ist Schlesinger vertraut. Als sie die Zusage für eine Ausbildung als Journalistin, ein Volontariat, beim NDR erhielt, hatte sie ihr Studium noch nicht abgeschlossen. Politikwissenschaftliches lernte sie also nachts, für Klausuren nahm sie Urlaub. 1990 begann Schlesinger als Reporterin beim ARD-Politmagazin Panorama, anschließend leitete sie das Südostasien-Studio der ARD in Singapur. Von 2001 an war sie für den Sender drei Jahre lang in Washington. Zurück in Deutschland übernahm sie die Leitung des NDR-Programmbereichs Kultur und Dokumentation.

"Eine Journalistin will nach oben", überschrieb der Tagesspiegel ein Porträt über Schlesinger. Doch so einfach ist es nicht. Häufig lehnte sie Posten ab: die Moderation des NDR-Magazins Das! etwa oder den Direktorenposten in einem NDR-Landesfunkhaus. "Was ihre Karriere angeht, war sie nie opportunistisch", sagt Volker Steinhoff, Chef von Panorama, der Schlesinger gut kennt. "Sie hat früh groß gedacht, aber nicht berechnend groß." Schlesinger nahm nicht jeden Posten an, nur weil er einen Schritt auf der Karriereleiter bedeutet hätte. Vielleicht ist das der Grund, weshalb viele sie "authentisch" nennen.

Die drei Ziele, die sie vor ihrer Wahl zur Intendantin formuliert hatte – mehr Eigenprogramme schaffen, den RBB für die Gesellschaft wahrnehmbarer machen und seine Position innerhalb der ARD stärken –, hat sie nach kurzer Zeit erreicht. Ein Unternehmer, der im RBB-Rundfunkrat sitzt und durch dessen Edeka-Filiale pro Woche 17.000 Menschen wandern, sagt, dass nicht nur er, sondern auch seine Kunden eine gewisse "Frische" im Programm bemerkten. Ein anderes Mitglied des Rundfunkrats beschreibt Schlesinger als "dynamisch" und sagt: "Die Frau will gestalten." Das sei nicht nur für den Sender gut. "Patricia Schlesinger rückt das öffentlich-rechtliche System in ein positives Licht."

"Wir haben verstanden, dass sich etwas ändern muss", sagt Schlesinger, wenn man sie auf dieses System anspricht. "Und wir verändern etwas." Um zu erklären, was sie alles tut und was sich alles tut – nicht nur im RBB –, ist sie viel unterwegs. In ihrem ersten Amtsjahr gab es kaum einen Abend, an dem sie nicht auf Veranstaltungen oder Empfängen Kontakte knüpfte und Informationen sammelte. "Ich möchte, dass die Meinungsführer der Stadt merken, dass es den RBB gibt und dass er sich verändert", erklärt sie. "Also muss ich mich sehen lassen."