Geschichte wird mit vielen Tinten geschrieben, manchmal auch mit Blut. Vor allem in Polen. Vielleicht lässt sich das Land und seine tiefe Zerrissenheit gar nicht verstehen ohne zwei große Tragödien, den Mord an dem Priester Jerzy Popiełuszko 1984 und den Absturz einer Regierungsmaschine im russischen Smolensk im April 2010, bei dem der damalige Staatspräsident Lech Kaczyński und viele Mitglieder der polnischen Elite ums Leben kamen. Wie eingespannt zwischen diesen beiden Daten ist die Nation, Tod und Trauer gehören zum Inventar der Politik. Und unweigerlich fragt man sich nun im Angesicht des Mordes an Danzigs Bürgermeister Paweł Adamowicz, wie das Land reagieren wird.

Jerzy Popiełuszko war neben Papst Johannes Paul der größte Held der polnischen Kirche im Kampf gegen den Kommunismus. Er war der Seelsorger der Solidarnosćź, er predigte vor den streikenden Arbeitern. Am 19. Oktober 1984 wurde er auf dem Weg von Bromberg nach Warschau von Schergen des staatlichen Sicherheitsdienstes angehalten, zusammengeschlagen, entführt.

Elf Tage später fand man seinen Leichnam in der Weichsel. Zu seiner Beisetzung kamen Hunderttausende Menschen, fünf Jahre später fiel das kommunistische Regime. Im Jahr 2010 wurde Jerzy Popiełuszko seliggesprochen.

Bis heute eint die Erinnerung an diesen Mann die Polen, die sich immer tiefer in Streit verstricken, kaum jemand, der den Schmerz über Popiełuszkos Ende nicht teilte.

Für einen kurzen Augenblick von Schock und Trauer hat auch der Mord an Danzigs Bürgermeister Adamowicz die Polen geeint. Politiker aller Parteien zeigten sich entsetzt über die Tat eines Messerstechers, über dessen Motive bei Redaktionsschluss noch nichts Definitives bekannt war. Nach Berichten von Augenzeugen beschimpfte der mehrfach inhaftierte und wohl psychisch kranke Mann unmittelbar nach der Tat die größte Oppositionspartei des Landes, der auch Adamowicz lange angehört hatte. Staatspräsident Andrzej Duda mahnte zu Einkehr, die Regierung, die Adamowicz teils hart bekämpft hatte, schickte eigens ein Flugzeug nach London, um dessen Witwe heimzuholen, die Polizei verhaftete einen Mann, der zu weiteren Morden an Bürgermeistern aufgerufen hatte. Überall im Land gingen Tausende auf die Straße, um Adamowicz’ zu gedenken.

Man hofft, gleichsam mit angehaltenem Atem, dass der Mord ein Anlass zur Einkehr, zur Umkehr werden möge, dass das Land angesichts des Todes leiser werde, versöhnlicher. Nur sehr wahrscheinlich ist das nicht.

Polen steht in einem Wahljahr, das aufgeladener ist als jedes seit 1989. Die Polarisierung nimmt zu, der Diskurs ist hasserfüllt, und niemand vermag zu sagen, wie und mit welchem Effekt der Mord politisch instrumentalisiert werden wird. Schmerz und Trauer können auch ungeheuer zersetzend wirken.

Noch heute schwebt die Tragödie von Smolensk über der Nation wie eine giftige Wolke. Der Absturz der Regierungsmaschine, ausgerechnet auf russischem Boden, ausgerechnet auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung für das Massaker von Katyn, bei dem 1940 sowjetische Geheimdienstler Tausende polnische Offiziere ermordet hatten, ist wie eine unverheilte Wunde. Man kann den Aufstieg von Jarosław Kaczyński, dem Bruder des in Smolensk umgekommenen Staatspräsidenten, nicht verstehen ohne die Erinnerung an diesen Tag. Bis heute vermuten Kaczyński und seine Getreuen hinter dem Absturz einen Mordanschlag, inszenieren sie die Erinnerung als Opfermythos, wittern überall Verrat. Sogar die Särge der Toten sind wieder geöffnet worden, für forensische Untersuchungen, teils gegen den Willen der Angehörigen. Eine dunkle Energie ist da am Werk, die das Land unaufhörlich auseinandertreibt.

Am letzten Tag seines Lebens sprach Jerzy Popiełuszko vor Arbeitern in Bromberg. Er sagte: "Beten wir dafür, dass wir frei sind von Angst, von Einschüchterung, vor allem aber von Rachegefühlen und von Gewalt." Das Gebet ist heute so aktuell wie damals.