Effektpedale

Ich habe kürzlich mit meiner Band zum 20. Jubiläum einer Hamburger Bar gespielt. 20 Bands traten auf, für jeweils 20 Minuten. Eine gute Gelegenheit, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wie es um den Rock ’n’ Roll steht. In den meisten Bands spielten Männer zwischen Mitte 30 und Mitte 50. Sie trugen alle Koffer mit einmontierten Effektgeräten auf die Bühne, sogenannte Pedalboards. Der Musik – meist ganz normaler Indie-Rock mit übersteuerter Gitarre – war nicht recht anzuhören, warum so viele Effektgeräte nötig waren. Früher gab es Pedalboards meines Wissens nicht. Effektpedale hießen – Achtung, Musikerhumor – "Tretminen", und man brauchte eigentlich nur eins: einen Verzerrer. Und vielleicht noch ein Wah-Wah und ein Vibrato, wenn man so klingen wollte wie Jimi Hendrix.

Heute ist es offenbar nicht mehr so einfach, wie Jimi Hendrix zu klingen. Auf YouTube finden sich Hunderte von Videos, in denen Männer erklären, was man dafür alles braucht: Neben der richtigen Gitarre, den richtigen Saiten und dem richtigen Verstärker sind die richtigen Effektpedale sehr wichtig. Es gibt Dutzende Fuzz-, Wah-Wah-, Vibrato- und Overdrive-Pedale, die plötzlich alle unerlässlich scheinen.

Ich finde das interessant. Andere Menschen suchen Ablenkung bei Facebook und Instagram, ich schaue gerne bei YouTube Videos über Gitarrenpedale. Mit Effektgeräten ist es so ähnlich wie mit Craft-Beer: Jede Woche bringt eine kleine Schmiede ein neues Produkt heraus. Der Stoff geht einem nie aus. Zumal da ja auch noch die Klassiker sind. Zum Beispiel der froschgrüne Ibanez-Tube-Screamer-Verzerrer. Den gibt es in der Reissue-Version, als Miniversion, mit Knopf oder Taster, mit dem RC4558P-Chip oder mit dem JRC4558D-Chip, alle werden auf YouTube ausgiebig getestet. Ein Original-Tube-Screamer aus den Siebzigern kostet bis zu 2.000 Euro. Völlig irre.

Aber auch ich habe langsam das Gefühl, mir einen dieser grünen Klassiker anschaffen zu müssen. Zum "Veredeln des Clean-Tones" oder auch für den "schönen nasalen Crunch-Sound", so schwärmen glückliche Tube-Screamer-Besitzer in den Online-Foren.

Ich habe oft Effektgeräte gekauft, weil ich hoffte, sie würden mich glücklich machen. Meistens hat sich das Versprechen nicht erfüllt. Dann habe ich sie via eBay Kleinanzeigen wieder angeboten, nicht ohne glücksversprechende Adjektive wie "einzigartig" oder "heavy" oder "crispy" natürlich.

Im Urlaub traf ich einen Freund mit einem ähnlichen Suchtverhalten. Er interessiert sich aber nicht für Effektgeräte, sondern für Gitarren. Finanziell gesehen kann das belastender sein. Einmal hat er in der Aufregung – es gab ein limitiertes Sonderangebot seines Lieblingsgitarrenbauers – versehentlich gleich zwei Gitarren online bestellt. Er hat dann bei der Werkstatt angerufen. Der Gitarrenbauer persönlich war am Telefon. Am Ende eines quasitherapeutischen Gesprächs durfte er beide Gitarren wieder abbestellen.

Mein Freund ist ehrlicher zu sich selbst, als ich es bin. "Eigentlich mache ich das, weil es mit meiner Band nicht vorangeht", sagte er mir. Er ist Mitte vierzig, er und seine Bandmates haben Kinder und stressige Jobs, die Proben fallen oft aus. Wir wurden uns schnell einig: Der Boom der Effektpedalhersteller und der Gebrauchtinstrumente-Websites wie Reverb.com, die irren Preise für Vintage-Instrumente – all das verdankt sich vor allem der wachsenden Zahl von mittelalten Männern, die eigentlich nur Rock ’n’ Roll spielen wollen, aber von ihrem Job, ihrer Familie und ihren unzuverlässigen Bandkollegen davon abgehalten werden. Ein gut gefülltes Pedalboard: Das ist immerhin die Gewissheit, gut gerüstet zu sein, wenn es endlich so weit ist.

Das Verfassen dieses Textes hat mich übrigens sehr viel Zeit gekostet. Immer wieder bin ich online hängen geblieben. Gerade eben wieder. Auf eBay Kleinanzeigen habe ich ein Dunlop Uni-Vibe gefunden. Das ist das legendäre Vibrato-Pedal, das Jimi Hendrix bei seinem Woodstock-Auftritt 1969 benutzt hat, als er die Nationalhymne der USA im Maschinengewehr-Gewitter untergehen ließ. Der Verkäufer dieses subversiven, bedeutsamen Gerätes sitzt in Bad Schwartau. Er preist es mit den Worten "neuwertig, nur im Wohnzimmer benutzt, Nichtraucher, tierfreier Haushalt" an. Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage, wie es um den Rock ’n’ Roll steht.