Rückkehr nach Samthar ist Anna Katharina Fröhlichs vierter Roman, und wirklich kehrt sie darin zur indischen Oberklasse zurück, die sie schon im Roman Kream Korner porträtierte. Wie in den vorhergehenden Büchern hat die Ich-Erzählerin biografisch viel gemein mit der Autorin. Ihr existenzieller Bezugspunkt ist die bereits aus früheren Romanen bekannte mütterliche Villa am Gardasee. Die Passagen über den Vater der Heldin reimen sich auf die Vita des Schriftstellers Hans-Jürgen Fröhlich, des früh verstorbenen Vaters der 47-jährigen Autorin. Selbst an ihrem schon bekannten schwärmerischen Stil hat sich nichts geändert. Nur trifft er jetzt in Samthar, dem einstigen Königreich in Indiens Provinz, auf ein eher unwahrscheinliches Objekt. Der dortige Maharadscha und seine Festung sind der Romanheldin bereits durch eine Kindheitsreise bekannt. Sie befindet sich auf der Flucht vor Liebeshändeln und hofft auf die heilende Kraft des Orients. Der König empfängt sie als Ehrengast und sorgt für ihr Unterhaltungsprogramm. Mit Ausflügen zum Apotheker, zu einer Hochzeit, einer Gemeinschaft asketischer Greise und in ein Dorf von Schlangenbeschwörern erschöpft sich die Handlung schon. Im Zentrum steht die Festung selbst in der Schwundform ihrer einstigen Herrlichkeit. Staub und Verfall charakterisieren das Fort, auf dem "His Highness" wohl als Letzter seines Stamms ein Volk regiert, an dem die Modernisierung Indiens bisher weitgehend vorbeiging.

Mittelalterliche Straßenszenen eröffnen die Szene: Raben auf Müllhaufen, die sich an toten Ratten laben, Händler, die "wie lauernde Affen" auf ihren Holzkarren hocken, und die Nachricht von der Vergewaltigung einer Minderjährigen, die sich anschließend selbst verbrannte. Obwohl wir einem Gerichtstag des Maharadschas beiwohnen, erfahren wir nichts von einer Bestrafung des Täters. Im Lob, das die Erzählerin auf die traditionellen Wertehierarchien ihres Gastlands anstimmt, hätte das leicht einen Missklang ergeben.

Fröhlich provoziert mit ihrer Apologie des Feudalismus, jenes "hierarchischen Geflechts, in dem jeder Einzelne, je nach Kaste, Kräften und Verstand, seine Rolle und seinen Rang erhalten hatte", in dem "die Autorität des Mannes und die Sittsamkeit der Frau nicht angerührt werden dürfen. Wie in einer solchen Familie herrschte am Hof von Samthar eine Freiheit, die weit über der angeblichen Freiheit der modernen Demokratie stand." Um ihrem Credo Plausibilität zu geben, projiziert und idealisiert die Erzählerin unermüdlich, liest in den Maharadscha noble Intentionen hinein, deutet seine Befehle als die Diener erfreuendes Spiel, vergleicht sein Automobil mit dem "Schlachtwagen des göttlichen Krishna" und seine schlechten Tischmanieren mit der Lässigkeit des deutschen Adels: "Zudem hielt er es für geschmacklos, geschmackvoll zu sein."

Man könnte hier von einer Potenzierung im Sinne der Frühromantiker sprechen: Die sprachliche Reflexion erschafft gedankliche Verbindungen, wo in der Wirklichkeit alles auseinanderfällt. Durch Rückgriffe auf die stolze Historie, auf Legenden, Klatsch und heilige Schriften haucht die Erzählerin der Festung als verständnisvolle Reiseschriftstellerin geisterhaftes Leben ein. Dabei misst sie sich an der Kunst Marcel Prousts, sinnliche Eindrücke durch überraschende Engführungen zu verdichten: "Wenn ich auf das Wort Dharma stieß, so brach es gleichsam wie ein fadenscheiniges, leicht schimmerndes Stück himmelblauer Seide auf, das mir durch sein fragiles Gewebe Einblick in eine Welt verschaffte, die nichts mit der gemein hatte, aus der ich stammte." Während Dharma auf "das feine, undurchschaubare Netz des indischen Kastensystems" und seine ethischen Prinzipien verweist, wird die Welt der Heldin durchs Internet bestimmt, von dem das Fort bald "umschlungen" sein wird. Fröhlichs Textgewebe verkettet beide Welten, nicht nur weil es vermutlich auf einem PC entstanden ist, sondern weil es sich mit seinen Verweisen auf alles, was zwischen Plotin, Fabergé und den Briefen der Mathilde von Canossa Platz hat, wie ein Trip auf Google liest. Nichts könnte dieser merkurischen Sinnsuche ferner sein als das Phlegma der Samtharer.

Originell wird Fröhlichs Buch, sobald der hohe Ton misslingt und die Metapher krepiert: Wenn der König "mit der Frische einer noch nicht entfalteten Stoffserviette" über die Terrasse läuft und die das Fort "umkreisende" Zukunft Haien gleicht, die "mit gespenstischem Lächeln einen Leichnam umschwärmen", wenn die "Sonne wie eine Tänzerin in flammend rotem Tüllkleid die Bühne des Himmels" verlässt oder die Erzählerin ein Buch "aus der Hand legt" (natürlich nicht, ohne eine Tasse Tee zu trinken) und "noch lange, wie fernes Blätterrauschen, die Stimme des rasenden Roland oder die des heiligen Augustinus" in ihr nachhallt. Im Grunde ist dieser Roman eine Persiflage des Ästhetizismus.

Am Ende tritt ein Schwerttänzer auf, der sich als heimlicher Grund für die zweite Samthar-Reise der Heldin erweist. Mit ihm verbindet sie eine Begegnung vor 35 Jahren und ihr erotisches Erwachen: "Der Tänzer hatte den Ausspruch von Marcel Proust, dass ›der Körper den Geist in eine Festung einschließt‹, im Laufe seines Tanzes widerlegt." Während Prousts Geist nur im Bett und hinter verhängten Fenstern reiste, tritt Fröhlichs Lebenshunger in ständige Konkurrenz mit dem mot juste. Ein Begehren zeichnet sich vor anderen ab: das nach wahrer Männlichkeit und einer Vaterfigur, die mehr hermacht als die ihre Mutter umkreisenden Feuilletonisten. Wie zum Trotz feiert sie Samthars Vornehmheit, Haltung, Schicksalsfrömmigkeit, auch wenn der König in Bleyle-Hosen am Ende nur zu großem Kasperletheater taugt. Seine Vasallen spielen den Dudelsack, auf der Terrasse türmen sich Plastikstühle, zum Frühstück gibt es Toast und Marmelade, die Dörfer sind von Cola-Flaschen, Chipstüten und Marlboro-Packungen übersät, und bei einer Hochzeit filmt eine Drohne die Gäste. All das enthält uns die Autorin nicht vor. Während sie von Indiens "metaphysischer Stabilität" fantasiert, von Märchenerzählern und Wanderasketen, träumen die vom Lifestyle des Westens. Es ist die Gegenströmung der Sehnsucht, aus der sich bei Anna Katharina Fröhlich die Spannung ergibt.

Anna Katharina Fröhlich: Rückkehr nach Samthar
Roman; München, C. H. Beck 2018; 270 S., 22,– €, als E-Book 17,99 €