"Weschn was flennsde nu scho widder rum?", heißt es in Sachsen manchmal burschikos, wenn allzu sensible Gemüter dabei sind, ihre gedrückte Seelenlage auszuleben. Die Frage an sich aber ist interessant. Ich stelle sie mir immer öfter, so generell, wenn wieder mal vom "Land der besorgten Bürger" die Rede ist: Weswegen scheinen ausgerechnet so viele Sachsen ernstlich verstimmt zu sein?

Verstimmt sein ist vielleicht zu milde ausgedrückt: Die Bilder, die in den Medien über Sachsen (zu Recht) kursierten – Sie wissen schon, Eindrücke von den Chemnitz-Demonstrationen, hochgeladene YouTube-Clips von Pegida-Veranstaltungen mit aufgebrachten Menschenmengen, Berichte über Freital, über Wurzen oder Bautzen sowie die Wahlprognosen für September –, vermitteln des Öfteren den Eindruck, hier herrsche der ständige Ausnahmezustand.

Bei den meisten Menschen in meiner Umgebung, die Tag für Tag ziemlich gelassen ihr Leben führen, ist davon aber nicht viel zu spüren.

In den vergangenen Wochen habe ich öfter versucht, Kenntnisse über die politische Geneigtheit der Sachsen mit alltäglich Erlebtem hier übereinanderzulegen. Besonders viel Übereinstimmung findet man da nicht.

Ohne die Fakten über die schwerwiegende und durchaus offenkundige Rechtsdrift in Teilen der sächsischen Bevölkerung naiv ignorieren oder kleinreden zu wollen, fallen mir bei Weitem mehr unauffällige, redliche, anständige oder gar bewundernswerte Mitmenschen in meiner unmittelbaren Umgebung ein als fremdenfeindliche Zeterer. Natürlich nimmt man hier und da das kleine alltagsrassistische Sprüchlein auf dem Flur wahr, in der Warteschlange in der Postagentur oder beim kurzen Schwatz mit einem Kollegen. Aber das für ein typisch sächsisches Problem zu halten? Ich weiß nicht.

Äußerungen sind kontextabhängig, und zum Kontext gehört eben auch der Mensch, der etwas sagt. Man muss vielleicht nicht ständig nach Fehlverhalten suchen.

Eine, die offensichtlich auch nicht immer hinter den Mängeln anderer her ist, obwohl von Berufs wegen in dieser Hinsicht nicht ungefährdet, ist Frau P., eine Lehrerin, die ich in der vergangenen Woche auf einer Weiterbildung kennengelernt habe. Ich bin seit August an der sächsischen Lehrerausbildung beteiligt. Ich begleite Lehramtsanwärter und Seiteneinsteiger, die Deutschlehrer werden wollen. Abgesehen von der Tatsache, dass mir die Arbeit mit den jungen Erwachsenen außerordentliche Freude bereitet, lerne ich jede Menge Lehrer aus ganz Sachsen kennen – kein ganz schlechter Einblick zum Thema, was außerhalb des Großstadt-Schullebens im Lande pädagogisch sonst so stattfindet.