Es ist ja so, dass man, wenn Literaturkritiker sich kommandohaft auf etwas stürzen und lustvoll sagen, es sei schlecht und das Letzte und inakzeptabel, eigentlich denkt, hier könne irgendetwas nicht stimmen. Aber den neuen Roman Stella des Spiegel-Redakteurs und Bestseller-Autors Takis Würger betreffend, der mit Der Club beim Verlag Kein & Aber debütierte und mit seinem zweiten Buch zu Hanser ging, kann man tatsächlich zu keinem anderen Ergebnis kommen als: Einen solchen Text zu schreiben kriegt man nur auf die Reihe, wenn einem dabei eine unfassbare Unempfindlichkeit und Berauschtheit an der blockbusterhaften Größe des zu verarbeitenden Nazi-Stoffs assistieren – wobei diese Feststellung direkt zur nächsten und vielleicht entscheidenderen Frage führt, wie jene Kultur- und Sinnstiftungsmenschen drauf sein müssen, die einen solchen Text feiern, verlegen und als Top-Titel verkaufen.

Zunächst aber zum Text: Nachdem Takis Würger seine Leser auf den ersten Seiten darüber informiert hat, dass der Roman Stella seinem Urgroßvater gewidmet sei, der 1941 bei der Aktion T4 vergast wurde, und somit klargemacht hat, dass auch seine Familie Nazi-Opfer zu beklagen habe, er also niemand sei, der hier irgendwas durcheinanderbringen könnte, kann die Story losgehen. In ihrem Zentrum steht Stella, deren Geschichte von der historischen Person Stella Goldschlag geliehen ist, über die schon viel geschrieben wurde. Goldschlag war eine Jüdin, die im Berlin der Vierzigerjahre Juden an die Nazis verriet, um ihre Eltern vor dem KZ zu bewahren, und die, auch nachdem diese deportiert worden waren, weiter mit den Nazis zusammenarbeitete. Als typischer deutscher Geschichtsaufarbeitungs-Weltmeister, der einen exklusiven Anspruch darauf hat, genau zu wissen, wie böse die Nazis waren, schlägt man da die Hände über dem Kopf zusammen und ist genauso fasziniert wie verlockt von dem narrativen Angebot einer schönen, blonden Jüdin (beides war die historische Stella Goldschlag), die mit den Nazis zusammengearbeitet hat. Denn demnach könnte es ja sein, dass manche Juden genauso, wenn nicht gar noch böser waren als die Deutschen, und dann wäre es sogar drin, einmal einem Juden zu erklären, wie schlimm dieser Holocaust war.

Dass das als Deutscher zu tun keine gute Idee ist, scheint auch Würger klar gewesen zu sein, weswegen er aus dem Ich-Erzähler seines Romans, nämlich jenem Mann, der sich nach wenigen Seiten unsterblich in Stella verlieben und mit ihr eine Beziehung eingehen wird, zackzack einen neutralen Schweizer gemacht hat, der beim Urteilen über Stella alle Freiheiten genießt und auch genießen wird. Das ist praktisch, führt jedoch dazu, dass der Autor sich aufwendig Motive dafür überlegen muss, dass der Ich-Erzähler (Friedrich, übrigens) beschließt, sein sicheres Schweizer Elternhaus zu verlassen, um im Berlin des Jahres 1942 ein bisschen Urlaub zu machen und schließlich Stella kennenlernen zu können. Man versteht es nicht ganz, es hat wohl etwas mit seinem wohlhabenden, aber zerrütteten Elternhaus zu tun (Mutter antisemitische Alkohol-Hexe, Vater aufdringlich redlicher Kosmopolit, endgültige Trennung von der Mutter, nachdem diese eine Hakenkreuzfahne hisst), aber es hat auch irgendwie etwas mit seiner Sorge um die Juden zu tun, seiner Bewunderung für die Deutschen und Theodor Fontane. Der sensible, ohne nachzudenken Nachdenklichkeit darstellende Ich-Erzähler Friedrich ("Manchmal tut es weh, wenn man das Richtige tut") hat zum einen das Problem, dass ihm selten Reflexion gestattet wird, was daran liegen könnte, dass der Autor in der Journalistenschule gelernt hat, dass diese die Story nur unnötig verlangsamt. Das andere Problem ist, dass der Ich-Erzähler, wenn er nachdenken darf, nicht besonders kluge Sachen denkt ("Wir waren jung, wir liefen nicht weg. Angst musste ich noch lernen"). Das wiederum hat wesentlich damit zu tun, dass die meistverwendeten Satzkonstruktionen so knapp sind, dass sie immer etwas Raunend-Schicksalhaftes, Dramatisches haben, ohne dass je klar würde, welches Drama eigentlich gemeint ist. Der Effekt ist dabei nicht ein Zugewinn an Deutungsoffenheit oder Literarizität, sondern das Gegenteil, nämlich Komplexitätsreduktion.

Ein weiteres Problem des Ich-Erzählers ist, dass er so über die Maßen gut und anständig ist, dass man sich als Leserin doch fragt, was sich der Autor genau vorgestellt hat, als er den superredlichen Friedrich auf das Klischee einer mit den Nazis kollaborierenden Jüdin (verrucht, sexy, snackt von morgens bis abends Pervitin-Pralinen) treffen ließ. Die Antwort könnte sein: nicht besonders viel. Doch egal, wie wenig sich der Autor gedacht haben mag, und egal, wie sehr sein Protagonist Schweizer ist, entsteht dadurch eine komplett verkehrte Dynamik. Ein deutscher Autor, der in einem deutschen Verlag erscheint, erschafft eine Figur, die die Handlungen einer Jüdin beurteilt, die mit den Nazis kollaboriert hat. Selbstverständlich ist es niemandem, auch Deutschen nicht, verboten, über Stella Goldschlag nachzudenken. Aber wenn das literarische Ergebnis dieses Nachdenkens derart schlicht ist, dass man es Nachdenken nicht nennen kann und es ausschließlich hinausläuft auf die Konstruktion eines pornografischen Beurteilungs-Kinos, angelegt durch einen gedankenlosen, aber moralisch einwandfreien Erzähler, der regelmäßig durch Zitate aus Gerichtsakten der historischen Stella Goldschlag unterstützt wird, erscheint dieses Unternehmen komplett schief. Abgesehen davon, dass alle unbeteiligten Nachgeborenen, die heute zu dem Ergebnis kommen, dass sie sich damals mit Sicherheit anders verhalten hätten als Goldschlag, ein Problem mit Größenwahn haben müssen. Und so wirkt es bizarr, wenn im brutal reduzierten Reportage-Stil eine Szene beschrieben wird, in der Stella von einem Nazi gefoltert wird: "Sie gestand eine Rassenschänderin zu sein. Sie hoffte, dafür würde der Gärtner sie bewusstlos schlagen. Die Hiebe mit dem Schlauch waren nicht sehr schmerzhaft. Danach lag sie mit ausgekugelten Armen auf dem Boden."

Es wirkt, als sei es am Autor und an seiner deutschen Leserschaft, zu sagen, ob sie die auf die Folterszene folgende Entscheidung Stellas, mit den Nazis zusammenzuarbeiten, billigen oder ablehnen, was wesentlich daran liegt, dass der Roman nicht mehr hergibt als diese Frage. Genauso gedankenlos und obszön erscheint es, wenn Stella andeutet, einen Juden verraten zu wollen, und der gute Friedrich antwortet, dass er das nicht könne. Der gute Friedrich aber hat tatsächlich überhaupt keinen Konflikt: Am Anfang ist er vor allem gut und weiß nicht so richtig etwas von Stellas Tätigkeit, und als er es weiß, weiß er ziemlich schnell, was zu tun ist, nämlich Stella verlassen. Angesichts dieser unglaublichen Redlichkeit ist man irgendwann doch nicht mehr so sicher, warum der gute Friedrich so gut ist, dass er sich übergeben muss, wenn er Nazis trifft, während Stella entspannt mit ihnen tanzen geht. Man ist sich nicht sicher, warum Friedrich fortwährend penetrant durch seinen Autor entschuldigt wird, obwohl es doch eigentlich überhaupt nichts zu entschuldigen gibt. Man fragt sich also, ob bei dieser Konstruktion irgendwelche verrückten psychologischen Gründe eine Rolle gespielt haben oder ob sie dem Autor einfach unterlaufen ist, er da also gewissermaßen in eine blöde Roman-Situation reingeraten ist.

Ein entscheidender Grund für jene Unsicherheit ist, dass man nicht weiß, warum diese Geschichte überhaupt erzählt wird. Dieser Text hat keine Dringlichkeit außer den Willen zur Größe. Dieser Text will absolut nichts außer krass sein, und dafür nimmt er sich die krassesten Porno-Zutaten: Nazis, SS-Uniformen, eine schöne jüdische Frau, die Juden verrät, Drogen, das Versprechen von Sex, Grandhotels, Berlin im Krieg – geil. Darüber kann man zwar keine Reportage mehr schreiben, aber Roman läuft natürlich. Dass es allein um die große Geste geht, wird auch an den kurzen Textpassagen deutlich, mit denen die Kapitel beginnen und in denen Geschehnisse eines bestimmten Monats aus dem Jahr 1942 aneinandermontiert werden. Bei Würger wirkt dieses Verfahren nur wie ein Verweis auf die gigantische Fallhöhe seines literarischen Stoffs, es erscheint wie die Simulation von Bedeutung durch Nazi-Namedropping, und so sieht man beim Lesen immerzu nur dem Autor Würger dabei zu, wie er über sein Material verfügt und sich einmal vorstellte, einen gigantischen Roman zu schreiben. Das gleiche Missbrauchsgefühl bekommt man bei der Lektüre der zitierten Auszüge aus den Gerichtsakten der historischen Stella Goldschlag, die nach dem Krieg von einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt wurde. Die Verarbeitung der Gerichtsakten illustriert die Schieflage, die durch die Situation "Deutscher Autor denkt sich unschuldigen Schweizer aus, der über jüdische Kollaborateurin urteilt" entsteht. Dieser Roman hat keine Frage, er verhandelt keinen glaubhaften Konflikt. Stella bleibt bloßes Anschauungsmaterial für Krassheit und Männerträume (klein, hilflos, zitternd vs. sexy, frech, wild), und Friedrich ist nur ein totes Medium, um diese Geschichte zu transportieren. Auf das Blockbuster-Ende der Story (Friedrich verlässt Stella und weiß dank ihr: "Es gibt Schuld") folgt ein Blockbuster-Epilog (Friedrich steht als Einziger an Stellas Grab, nachdem die sich 1994 das Leben genommen hat), auf den eine Blockbuster-Danksagung folgt, die wirkt, als würde sich Würger schon im Vorhinein für seine Preise bedanken.

Die Voraussetzung für diesen Roman könnte ein totales Nichtverhältnis zur eigenen Geschichte sein, das man als junger Mensch, wenn man zu oft Unsere Mütter, unsere Väter gesehen hat, in Deutschland schnell bekommen kann, wo die Nazis seit je immer die anderen waren, man zu Hause lieber nicht fragt und man gleichzeitig stolz auf den eigenen Umgang mit der deutschen Geschichte ist, aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls kann man nur dann so breitbeinig und achtlos schreiben, wenn man glaubt, sich alles nehmen und darüber verfügen zu können. Würger hat für diesen Roman schon so viel Literaturkritiker-Ärger bekommen, dass man sich als Rezensentin tatsächlich fragt, ob man ein weiteres Mal Ärger machen soll. Und bestimmt spielt bei dem sich ausbruchsartig entladenden Charakter jener Kritik auch eine Rolle, dass Würger (Bestseller-Autor, Spiegel -Redakteur) bisher ein absolutes Erfolgsmodell war und insofern eine Provokation – auch und insbesondere vor dem Hintergrund des aktuell viel kritisierten Genres der Spielfilm-Reportage, das Würger sowohl in seinen journalistischen Texten als auch in Stella bedient hat.

So oder so sitzt man da und versteht es nicht und blickt also in die Richtung all der beteiligten Kulturverantwortlichen und will fragen, was hier eigentlich los ist und ob sie aus totaler Selbstbegeisterung oder gedanklicher Schlampigkeit oder Faulheit oder Angst so verfahren oder weil sie glauben, die Leser wollten es so.

Takis Würger: Stella.
Hanser Verlag, München 2019; 224 S., 22,– €, als E-Book 16,99 €