Pakistan ist ein Land im religiösen Fieberwahn. So jedenfalls erscheint es in der öffentlichen Wahrnehmung: ein instabiler Staat, geprägt von Attentaten radikaler Muslime, von Korruption und einem Militär, das als Staat im Staat agiert. Tatsächlich belegt Pakistan den dritten Platz auf der Liste der Länder mit Terrortoten, allein im Jahr 2013 starben hier 2.000 Menschen durch Anschläge. Doch die Mehrheit der Muslime, die sich friedlich zum konservativen Islam der hanafitischen Rechtsschule zählt, kommt in diesem Bild nicht vor. Kaum ein Land kennt so viele Spielarten des Islams wie die Islamische Republik Pakistan, und kaum eines leidet so sehr unter Fundamentalisten.

Jedes Jahr strömen etwa eine Million Pilger zum Schrein von Lal Shahbaz Qalandar, dem Grab eines Sufi-Heiligen. Konservative Muslime kritisieren die Heiligenverehrung als unislamisch. © Philipp Breu

"Einige Zehntausend Menschen sind bereit, ihre persönliche Auffassung von Islam nicht nur mit Worten zu verteidigen und halten dadurch den Rest des Landes in Geiselhaft", hat Philipp Breu einmal gesagt, der Fotograf dieser Seite. Im November 2018 bereiste er nun zum dritten Mal das Land, dessen Glaubensvielfalt ihn fasziniert. Der Deutsche, der auch Islamwissenschaften studiert hat, wohnte bei liberalen Großstadtmuslimen, freundete sich mit orthodoxen Paschtunen an und portraitierte Sufis im Schrein von Sehwan Sharif. Dort verehren sie Uthman Marwandi, einen Sufi-Meister des 13. Jahrhunderts, mit Musik und rituellen Tänzen. Doch im Jahr 2017 wurde das Heiligtum, vier Autostunden nordöstlich der Küstenstadt Karatschi, vom Terror heimgesucht. Ein Selbstmordattentäter riss 88 Opfer in den Tod und verletzte 340 Menschen, als er sich am Grabmal von Marwandi, genannt Lal Shabaz ("roter Königsfalke") in die Luft sprengte. Der "Islamische Staat" reklamierte den Anschlag für sich. Doch wie reagierten die Sufis?

Philipp Breu bereiste ein Jahr nach dem Anschlag das Heiligtum unter der goldenen Kuppel und fand eine Gemeinschaft vor, die der Gewalt nicht das letzte Wort überlässt. Schon am Tag nach dem Anschlag, berichtet Breu, gingen die rituellen Tänze weiter, um dem IS kein Gefühl des Sieges zu geben. Seine Fotos zeigen, wie tief ihn die Sanftheit der Sufis, die Spiritualität und Gastfreundschaft dieser Muslime beeindruckt hat. Er erlebte, wie Frauen und Männer im Schrein nebeneinander beteten. Er selbst, der Christ, wurde freudig im Allerheiligsten willkommen geheißen. "Eine Insel der Toleranz und des Friedens" nannte er seine Fotoserie. Sie zeigt eine andere, friedliche Seite Pakistans, die Perspektive der kleinen Leute, die Normalität, die in den aktuellen Nachrichten im Westen fehlt.

Zu den wenig beachteten Seiten Pakistans gehört ja heute eine Regierung, die versucht, den Einfluss von Glaubensfanatikern einzudämmen. Und dazu gehörte früher schon eine Gesellschaft, die auch fortschrittliche Entscheidungen traf. So hatte das Land 2011 ein drittes Geschlecht offiziell anerkannt, als zweites Land der Welt nach Indien. Außerdem wählte Pakistan 1988 mit Benazir Bhutto die erste Regierungschefin der islamischen Welt, 17 Jahre vor dem Amtsantritt Angela Merkels als Kanzlerin. Mit Bhutto erlebte der Globus die erste Ministerpräsidentin, die während ihrer Amtszeit ein Kind zur Welt brachte – erst nach 28 Jahren folgte ihr darin ihre neuseeländische Kollegin Jacinda Ardern. Allerdings wurde Benazir Bhutto während ihrer Bewerbung um eine dritte Amtszeit 2007 wahrscheinlich ermordet. Die genauen Umstände kamen nicht ans Licht, weil der ermittelnde Staatsanwalt ebenfalls einem Mord zum Opfer fiel. Auch das gehört zum Drama dieses Landes.

Momentan wird das Bild Pakistans von gewaltbereiten Religionsführern bestimmt und von einem Mob, der sich zum Christenhass anstacheln lässt. Denn die Christin Asia Bibi, durch das oberste Gericht vom Vorwurf der Lästerung Allahs freigesprochen, kann das Land seit Monaten nicht verlassen, religiöse Hardliner verlangen ihren Tod. Wahr ist aber auch: Soeben forderten 500 islamische Religionsvertreter in der Hauptstadt Islamabad ihren Staat auf, die Rechte religiöser Minderheiten zu schützen – ausdrücklich auch die von Asia Bibi. So fügen die Muslime dem Bild Pakistans wieder eine friedliche Facette hinzu.

Direkt neben diesen Männern tanzen oft auch Frauen. Das Besondere ist, dass keine räumliche Trennung zwischen den Geschlechtern besteht. © Philipp Breu

Philipp Breu, Fotograf aus Berlin, lebt in Jordanien. Mehr Bilder, auch von den Sufis, sehen Sie unter www.philippbreu.com