Dass sie, die Putzfrau, so bekannt wurde, ja sogar einen mittelgroßen medialen Hype entfachen konnte, lag auch daran, dass sie mit einem kleinen, unscheinbaren Hinweis voll ins Schwarze treffen konnte. So wie bei einem Wirtschaftsforum der ZEIT im Hamburger Michel Anfang November 2016.

Es sei ja schön und gut, dass man hier über Zusammenhalt und soziale Verantwortung spreche, sagte Susanne Neumann zum Abschluss ihres Gesprächs mit Chefredakteur Giovanni di Lorenzo auf dem Podium. Aber als sie vorhin auf der Toilette gewesen sei, habe sie beobachtet, dass nur sie, als Einzige von 15 Leuten, der Toilettenfrau ein Trinkgeld gegeben habe. Und sie wette: "Die Leute wissen nicht mehr, wie das Mädel ausgesehen hat." Es fehle der Respekt. "Wir werden nicht mehr wahrgenommen."

Und genau aus diesem Grund wurde Susanne Neumann, die alle nur Susi nannten, sehr wohl wahrgenommen: Sie war diejenige, die einer staunenden Öffentlichkeit – und mehr noch einer hilflosen Sozialdemokratie – klarmachte, wie sehr beide, Öffentlichkeit und Sozialdemokratie, Menschen wie sie übersehen hatten. Bei Anne Will saß sie, die engagierte Gewerkschafterin, im Frühjahr 2016 und beschrieb ein Deutschland, das zur Selbstfeier von Rekordbeschäftigung und Dauerboom so gar nicht passen wollte. Im Deutschland der Susi Neumann ging es um Menschen, die Vollzeit arbeiten und trotzdem Stütze beziehen, um Zwangsverrentete, um Zeit- und Leiharbeiter ohne Aussicht auf Festanstellung, um Frauen, die einen "sachgrundlos befristeten" Arbeitsvertrag unterschrieben haben und deshalb keinen Mutterschutz besitzen, kurz: um – wie Neumann das nannte – "Menschen zweiter Klasse". Das Niedriglohnsektor-Deutschland der Susi Neumann war und ist ein Deutschland, um das sich eine sozialdemokratische Partei dringend kümmern sollte. Die SPD kümmerte sich zuerst einmal um Susi Neumann. Kurz nach der Anne Will-Sendung wurde sie auf sanften Druck der damaligen NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hin Mitglied. Und trat wenige Tage später beim Gerechtigkeitskongress der Genossen in Berlin auf. Ein Moment, den der damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel bis heute wohl kaum vergessen hat.

Gabriel lud das Neumitglied Neumann ein, weil er, wie er ihr sagte, gern mehr Menschen wie sie, Arbeiter und Arbeiterinnen, in der Partei hätte – und nicht nur die Akademiker. Doch das Neumitglied Neumann sagte dem Chef erst mal, was er zu tun habe: Tacheles reden, die Agenda 2010 kippen, Leih- und Zeitarbeit drastisch zurückfahren – und wenn "die Schwatten" das nicht mitmachen, die Groko beenden. Und da die Reinigungskraft Neumann all das mit der schnoddrigen Herzlichkeit des Ruhrpotts vortrug, war sie über Nacht Kult. Die SPD hatte endlich gefunden, wonach sie so lange ergebnislos gefahndet hatte: eine echte Arbeiterin. Gabriel war beseelt.

Nichts prägt das Selbstverständnis der SPD bis heute so sehr wie die Emanzipation des Arbeiters. Zuerst beendete die Sozialdemokratie die Ausbeutung des Arbeiters, indem sie kürzere Arbeitszeiten, höheren Lohn, besseren Schutz sowie das Recht auf Urlaub durchsetzte – und dann ließ sie ihn durch Bildung aufsteigen. Bis heute versteht sich die SPD als die Partei der Arbeit, weshalb etwa die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens auf absehbare Zeit deutliche Minderheitsmeinung bleiben wird. Der kleine Schönheitsfehler ist nur: Der Partei der Arbeit sind die Arbeiter längst abhandengekommen. Die SPD ist heute eine Akademikerpartei, deren Mitglieder schwielige Hände, rußverschmierte Gesichter und den Alltag einer Putzfrau vor allem von Berichten aus dem Parteiarchiv kennen. Susi Neumann erinnerte die SPD daran, wie es war, als Selbstbild und Alltag noch übereinstimmten. Und die Kinder der Arbeiter noch nicht die Grünen-Wähler von morgen waren.

Doch die Vereinigung von Arbeiterin und Arbeiterpartei war nicht von Dauer. Je mehr Neumann 2016 durch die Talkshows der Republik tingelte, desto mehr nervte Gabriel ihre Kritik. Bei einer Veranstaltung in Gelsenkirchen, Neumanns Heimatstadt, grüßte der Arbeiterfreund Gabriel seine Vorzeige-Putzfrau schon nicht mehr – so erzählte sie es jedenfalls.

An den "Schlipsträgern" sei sie letztlich nicht vorbeigekommen, sie würden weiterhin die Richtung der SPD bestimmen, sagte Susi Neumann im vergangenen Dezember. Da war sie schon wieder ausgetreten aus der Partei, nach nur zweieinhalb Jahren.

Am vergangenen Sonntag ist Susanne Neumann an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Sie wurde 59 Jahre alt.