Hanna Jacobs, 30, ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Sehr geehrter Herr Professor Huber, kürzlich haben Sie vor der "Twitter-Falle" gewarnt. Überraschenderweise nutzten Sie dafür den Kurznachrichtendienst selbst. Obwohl ich seit nunmehr sechs Jahren einen Twitter-Account habe, konnte ich mir unter dieser Falle nicht viel vorstellen. Doch zum Glück erläutern Sie auch, wovor Sie da warnen: nicht vor einem Hackerangriff, sondern vor einem Irrglauben, dem die Kirche aufsitzt: "Die Kirche darf nicht denken, sie ist beständig neu, wenn sie sich digitalen Trends anschließt." Von einem Trend würde ich bei einem Internetportal, das 13 Jahre alt ist, nicht unbedingt sprechen, aber im Vergleich zum Buchdruck und zum Fernsehgottesdienst ist das Internet tatsächlich recht neu.

Das Neue, die "digitalen Trends" beispielsweise, sind nicht automatisch gut, weil sie neu sind. Sie sind aber auch nicht zwingend gleichbedeutend mit dem Untergang von Kultur und guter Sitte. Ausgerechnet Paulus ist diesbezüglich ein guter Ratgeber und Visionär, wenn er auffordert, alles zu prüfen und das Gute zu behalten.

Ich hoffe, Sie erlauben mir folgende Frage: Haben Sie Twitter tatsächlich eingehend geprüft? Sie kommen zu dem Schluss, dass Menschen sich durch Twitter aus dem Weg gingen und eben nicht begegneten, so wie Sie es sich für Kirche wünschen. Etliche Nutzerinnen und Nutzer haben auf Ihren Tweet reagiert und ihre Geschichten erzählt, so wie das in 280 Zeichen eben möglich ist. Eine Frau schrieb, dass sie durch den Kontakt mit Christen auf Twitter mehr Kontakt zur Kirche hätte als in den letzten 30 Jahren, sogar regelmäßig das Twitter-Gebet #twomplet mitbeten würde, obwohl sie sich nicht einmal als gläubig bezeichnen würde. Begegnung, das wird aus diesen Antworten deutlich, findet nicht nur im Gemeindehaus statt. Auch digitale Kommunikation kann trösten und ermutigen. Das Evangelium macht vor Twitter nicht halt.

In Schweden oder Großbritannien twittert inzwischen jeder Bischof und jede Bischöfin. Viele erstaunlich authentisch und nahbar. Ihre deutschen Kollegen tun sich damit, einige Ausnahmen ausgenommen, eher schwer. Doch letztlich lebt die religiöse Kommunikation im Internet nicht von den Amtsträgern.

Ich habe einmal geguckt, wem Sie bei Twitter so folgen: den Accounts von evangelischen Landeskirchen und Akademien, Chefredakteuren sowie vier verschiedenen Accounts der FAZ. Sie folgen nicht der Pastorin im Probedienst mit den fünf Kirchen auf dem Land. Sie folgen nicht dem katholischen Laientheologen, nicht der Mutter mit dem gehbehinderten Sohn, die sich ehrenamtlich in einer Freikirche engagiert. Sie folgen keiner Transgender-Christin und keinem gläubigen Muslim. An keiner theologischen Fakultät und in keinem Kirchgebäude bin ich so unterschiedlichen Menschen begegnet und wurde ich derart inspiriert wie in dieser Community aus suchenden Glaubenden. Fürchten Sie sich nicht vor der Twitter-Falle!

Mit herzlichem Gruß, Hanna Jacobs