DIE ZEIT: Frau Ministerin, die USA haben mit dem Abzug aller in Syrien stationierten amerikanischen Soldaten begonnen. Welche Folgen wird das für die Region haben?

Ursula von der Leyen: Ich bin mir nicht sicher, ob es beim angekündigten vollständigen Abzug bleiben wird. Der straffe Zeitplan, den Präsident Trump vor Kurzem noch nannte, hat sich inzwischen in einen Abzug nur auf Basis von Bedingungen verändert. Die USA wissen, wie sehr ein Abzug auch eigenen Interessen schaden würde: Amerika will den IS weiter bekämpfen, hätte aber dann in Syrien keine Augen und Ohren mehr. Der Iran würde seinen Einfluss ungehindert weiter in Richtung Israel und Libanon ausbreiten. Die Türkei würde meinen, ungehindert gegen kurdische Gruppierungen vorgehen zu können, und Russland würde die Szene dominieren.

ZEIT: Trump rudert also zurück?

Von der Leyen: Es ist ein bekanntes Muster: Aus dem Weißen Haus kommt eine überraschende Ankündigung, die wirbelt enorm Staub auf – aber Stück für Stück wird der Plan dann modifiziert, weil echte Lösungen häufig komplex sind. In Europa wissen wir aus unserer Geschichte: Wenn wir uns ständig gegenseitig austricksen und bekämpfen, verlieren alle – und wenn wir gut zusammenarbeiten, gewinnen alle. Präsident Trump erleben wir anders: Er will Gewinner sein, also muss es auch Verlierer geben. Aber die Wirklichkeit zwingt dann doch zu Kompromissen.

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ZEIT: Der US-Präsident hat auch verkündet, die Hälfte der rund 14.000 in Afghanistan stationierten Soldaten abziehen zu wollen. Kann die Bundeswehr bleiben, wenn die Amerikaner gehen?

Von der Leyen: Bislang gibt es zu dieser Meldung nichts Konkretes, was auch für sich spricht. Für uns gilt: Die Bundeswehr ist nie allein unterwegs, sondern immer nur in Bündnissen und Koalitionen. Als wir nach den schrecklichen Terroranschlägen vom 11. September 2001 gemeinsam mit unserem Nato-Partner USA nach Afghanistan gingen, war das unter der Devise: Gemeinsam rein – gemeinsam raus. Diese Devise gilt heute auch noch. Das heißt: Die USA müssen für sich bewerten, was es bedeuten würde, die Afghanen jetzt im Stich zu lassen.

ZEIT: Wenn die USA aus Afghanistan rausgehen, ist die deutsche Mission dort beendet?

Von der Leyen: Das würde sicher für alle beteiligten Länder gelten, für die Italiener genauso wie für die Briten. Und für uns auch.

ZEIT: Was würde mit Afghanistan geschehen?

Von der Leyen: Das Land ist heute ein anderes als vor 18 Jahren. In Kabul studieren Frauen, die junge Generation ist vernetzt und international orientiert. Das kann ihr keiner mehr nehmen. Ein Abzug aller Kräfte hätte jedoch schwerwiegende Folgen. Die afghanische Regierung ist alleine noch nicht in der Lage, die Sicherheit im Land zu gewährleisten. Die Menschen wären schutzloser gegenüber den Taliban, und von den Versöhnungsgesprächen würde der notwendige Druck genommen. Afghanistan würde schlimmstenfalls wieder Rückzugsgebiet und Ausbildungsort internationaler Terroristen.

ZEIT: Sie haben mit dem neuen US-Verteidigungsminister Patrick Shanahan telefoniert. Ist er ein Verbündeter beim Versuch, Trump zum Überdenken eines Afghanistan-Rückzugs zu bewegen?

Von der Leyen: Es war ein kurzes Kennenlerngespräch an einem seiner ersten Tage im Amt. Die entscheidenden Erörterungen innerhalb der US-Regierung haben meines Wissens noch nicht begonnen. Und auch der US-Senat wird eine Kehrtwende sehr ernsthaft hinterfragen – zumal es sich um eine Mission der Nato mit vielen Partnern handelt. Und deshalb ist hier und jetzt ein guter Zeitpunkt, um ein sehr deutliches Signal an unsere amerikanischen Freunde zu senden: Seid ihr wirklich bereit, die Afghanen im Stich zu lassen? Ich plädiere für den anderen Weg.